Zwischen Melancholie und Modernität – Tezer Özlü

n diesem Blogbeitrag möchte ich Tezer Özlü vorstellen. Sie ist eine Schriftstellerin, deren Bücher der  Suhrkamp Verlag gerade auf Deutsch herausbringt und deren Werk eine große Entdeckung ist. Und es sind gerade diese überraschenden Funde, die mich in meiner Lesereise besonders begeistern.

Tezer Özlü – eine Schriftstellerin, die ähnlich wie Brigitte Reimann und Adelheid Duvanel, ein intensives und wechselvolles Leben führte und für die Schreiben auch eine innere Notwendigkeit war, ein Zwang, um ihr Leben zu bewältigen und zu verstehen. Özlüs Themen sind Existenz und Selbstmord, Reisen und Heimatlosigkeit, Psychiatrie, Sprache und Lesen, Liebe und Begehren, die sie jeweils aus ihrem eigenen Erleben schöpft. Und sie findet dafür eine Sprache, die beim Lesen immer noch kraftvoll und modern zugleich ist.   

Tezer Özlü ist 1943 in Anatolien geboren und aufgewachsen, wird mit zwanzig in Istanbul als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig. Sie hat Werke von Italo Svevo, Ingeborg Bachmann, Franz Kafka und Cesare Pavese und viele andere ins Türkische übersetzt. Als DAAD-Stipendiatin kam sie Anfang der 1980er Jahre nach Berlin und begann auch auf Deutsch zu schreiben. Sie starb 1986 mit nur 42 Jahren an Brustkrebs in Zürich.

Suche nach den Spuren eines Selbstmordes

Ich bin immer neugierig, was andere Leute lesen. An Silvester 2024 war ich im ICE von Berlin nach Paris unterwegs. Der Zug hatte eine besondere Atmosphäre. Es war sehr ruhig, da er auf der Strecke nur in wenigen Städten hielt. Viele waren nach den Feiertagen erschöpft und in Erwartung des bevorstehenden Jahreswechsels. Sie schliefen oder lasen meist. In der Sitzreihe hinter mir sah ich jemanden das Buch „Suche nach den Spuren eines Selbstmordes“ lesen und der Titel, den man gut auf dem weisen Suhrkamp Cover erkennen konnte, hatte gleich mein Interesse geweckt. Das Buch, das den Untertitel „Variationen über Cesare Pavese“ trägt, schrieb Tezer Özlü 1982 während ihres Aufenthaltes in Berlin innerhalb weniger Monate auf Deutsch. Erschienen war es bisher nur auf Türkisch. Der Suhrkamp Verlag hat es 2024 veröffentlicht.

In dem Buch geht es um eine Reise, eine Reise zu den toten, verehrten Schriftstellern, die sie auch übersetzt hat. Sie startet in Berlin, wo sie in Anfang der 1980er-Jahre lebt, geht über Prag, Wien, Zagreb, Belgrad, und Triest. Sie besucht das Grab Kafkas in Prag, Svevos Wohnhaus und Grab in Triest. Die Reise endet mit dem Besuch von Cesar Paveses Hotelzimmer in Turin wo jener sich 1950 das Leben nahm. Es ist aber kein Reisebericht, sondern eine intime und literarische Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, der Existenz und ihres Schreibens.

„In meinem Menschsein fühle ich mich kräftiger als die Menschheit und gleichzeitig fühle ich mich verlassener als die Bäume, die ihre Kahlheit ablegen.“

Das Buch vereint tagebuchartige Notizen, Traumsequenzen, Betrachtungen und Erinnerungen, und Alltagsbeobachtungen. Es ist ein Buch der Unruhe, des Unterwegsseins, in ihrem Leben, und auf dieser Reise. Reisen sind ja immer auch Ausdruck von Lebens- und Erlebnishunger, aber auch von sporadischer Bindung. Orte können Einsamkeit verstärken, mit dem Gefühl, nicht dazu zu gehören; können so aber auch mehr zu sich führen. Sie erlebt grenzenlose Freude, aber auch Tage voll verzweifelter Zahn- und Kopfschmerzen.

Unterwegs hat die Hauptfigur Zufallsbekanntschaften und Affären. Man erfährt nichts über sie, oder wie sich der Kontakt überhaupt angebahnt hat. Die Verbindungen scheinen auch nichts Bleibendes zu hinterlassen, die Orgasmen sind schön und bitter. Die vielen Männer nimmt sie aus Angst, „mit meiner Grenzenlosigkeit allein“ zu sein, deshalb brauchte sie „die Grenzen eines beliebigen Menschen“. Und eben deshalb, nehme sie sich jeden Tag eine neue Liebe.

Özlü erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend, an Aufenthalte in der Psychiatrie. Sie verschränkt in Gedanken ihr Leben mit dem Leben der Schriftsteller, die sie besucht. Sie stellt Betrachtungen über das Leben und die Literatur an und sucht sich lesend Zugang zu den neuen Städten. Man merkt, sie verehrt diese Schriftsteller, sie kann ihnen viel an Gedanken entnehmen; aber man merkt auch, dass sie neben diesen Auseinandersetzungen und ihren Selbstgesprächen nicht viel vom außen bekommt oder erwartet, so zurückgezogen ist sie auf sich selbst.

Am meisten setzt sie sich mit Cesar Pavese auseinander. Der Text enthält viele Zitate aus seinen Werken. Pavese thematisiert oft das Gefühl der existentiellen Einsamkeit, der Sinnsuche und der Unfähigkeit, echte Verbindungen zu anderen Menschen herzustellen und damit sind die Parallelen zu dem Buch klar erkennbar und gewollt. Zudem sind seine Werke, wie bei Özlü, autobiographisch geprägt. Mit seinem Tagebuch „Handwerk meines Lebens“, das Pavese bis zu seinem Selbstmord führte, teilt sie nicht nur das Formale, sondern auch die schon beschriebenen Themen. Anders als bei Pavese bleibt es in ihrem Leben aber nur bei dem Versuch des Selbstmordes.

Die kalten Nächte der Kindheit

Den Roman „Die kalten Nächte der Kindheit“ hat Özlü 1978-1979 auf Türkisch geschrieben. Er wurde von Deniz Utlu ins Deutsche übersetzt. Auch dieses Buch enthält vieles aus dem eigenen Erleben von Tezer Özlü. Die kalten Tage sind hier metaphorisch und buchstäblich.

Es geht um das Auswachsen in einer türkischen Kleinstadt, der strengen Erziehung durch die Mutter, die Lehrerin ist, und den Vater, der Schulleiter ist. Es gibt kalte Winter mit Schnee. Es sind Eltern ohne Wärme und Geborgenheit („Jeder Morgen und jede Nacht ohne Liebe“). Sie wird auf das katholische, österreichische St. Georgs-Kolleg in Istanbul geschickt. Dort existiert die Kälte in der Kleidung, im kalten Wasser. Warm wird den Schülerinnen, wenn sie heimlich gegenseitig ihre Körper erkunden. Sie findet Verwandtes beim Entdecken der russischen Literatur.

Es kommen noch weiter Erlebtes dazu, nach dem Anfang oft nicht mehr chronologisch und manchmal verschwimmen Orte und Zeiten. Sie ist in Ankara, Istanbul, Berlin, Paris, am Mittelmeer Sie schildert die Beziehung mit Hayalet; eine Heirat mit einem Trinker, die erst unüberlegt, dann unverbunden und unglücklich ist und dann geschieden wird. Es gibt einen Selbstmordversuch und darauf eine Einlieferung in der Psychiatrie (später werden noch weitere Aufenthalte auch wegen der Behandlung von Psychosen folgen), ohne Freiheit, dafür mit Elektroschocks und Gewalt; und den Militärputsch in der Türkei. In Berlin erlebt sie die großen Freiheiten im Westen der Stadt, aber auch die Gastarbeiter, die kaum Bestrebung zeigen, sich anzupassen.

„Mein Gehirn schleudert ins Weltall“

Das kalte Leben, die Heimatlosigkeit, die flüchtigen Bekanntschaften kommen auch hier vor. Auch ihre Haltlosigkeit im Leben und die Anziehungskraft des Selbstmordes (schon im ersten Buch ein großes Thema, in diesem Buch erfährt man dann genaueres über den Versuch und die Auswirkungen). Halt gibt ihr das Schreiben. In den Krisen kann sie sogar am besten Schreiben. Die Worte sprudeln dann aus ihr heraus. Konturen von Ort und Zeit verschwinden. Das Denken ist sprunghaft. Und auch wenn es nur Fragmente sind, gelingt es Özlü die Gesamtsituation ihrer Figur in den Ausschnitten lebendig werden zu lassen. Ihre Sprache ist modern, durch die Knappheit, und die Offenheit mit der sich die Figur betrachtet.

Seit ich das Buch im Zug gesehen habe, ist noch ein Jahr vergangen, bis ich damit angefangen habe. Aber ich bin froh, dass ich Tezer Özlü jetzt als Schriftstellerin entdecken konnte.

Tezer Özlü: Suche nach den Spuren eines Selbstmordes. Suhrkamp, 195 Seiten

Tezer Özlü: Die kalten Nächte der Kindheit. Aus dem Türkischen übersetzt von Deniz Utlu. Suhrkamp, 112 Seiten

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