
Was ich an der Zeit um die Jahreswende am meisten mag, ist die Zeit zum intensiven Lesen und Reflektieren. So gibt es freie Zeit natürlich auch zu anderen Zeiten im Jahr, zum Beispiel in den Sommerferien, aber da ist meine Aufmerksamkeit oft im Außen, beim Reisen, beim Entdecken von Neuem, und ich bin viel in der Natur. Da suche ich mir Bücher aus, die mir neue Perspektiven eröffnen, oft Essays oder Sachbücher und auch einen dicken Roman in parallel für die Entspannung. Die Zeit um die Jahreswende ist aber anders, das Wetter begrenzt die Zeit draußen, die Feiertage mit ihren Reisen und Vorbereitungen sind schon vorbei, das neue Jahr hat noch nicht begonnen, und die to-do-Listen können warten. Und so geht meine Aufmerksamkeit nach innen und erlaubt ein längeres und tieferes Lesen als sonst. Ich kann mehr in die Gedankenwelt der Autorinnen und Autoren eintauchen, mich mit ihrer Argumentation auseinandersetzten. Es erlaubt mir mehr die Qualität zu beurteilen. Ich kann Unbekanntes nachschlagen und Anregungen nachgehen. Und das Gelesene verwebt sich mit meinen eigenen Gedanken und Reflexionen, die zu der Zeit mehr Raum haben. Zeit auf das vergangene Jahr zurückzuschauen, Geschehenes zu verarbeiten und loszulassen und mich auf das kommende Jahr einzustellen. So entstehen dann immer intensive Lektüreerlebnisse und es gibt neue Richtungen und Ziele in meinem Leben.
Dieses Jahr habe ich mir „Die einsame Stadt“ von Olivia Laing und „Weit vom Stamm“ von Andrew Solomon ausgesucht.
In „Die einsame Stadt“ behandelt die Schriftstellerin, Journalistin und Essayistin Olivia Laing, im btb Verlag erschienen, das Thema Einsamkeit und Anderssein. Das Buch trägt den Untertitel „Vom Abenteuer des Alleinseins.“ Das Buch entstand während eines längeren Aufenthalts der Autorin in New York. Sie beschreibt, wie der Umzug in eine Großstadt, in dem über 8 Millionen Menschen wohnen, von dem sie aber niemanden kennt, sie verändert; wie ihre Gedanken um ihre Einsamkeit kreisen, die sie wie eine Krankheit befallen hat und nach und nach zermürbt. Sie erfährt, wie die Einsamkeit ihr Denken übernimmt, ihre Gefühle einschränkt und sie auch beginnt ihr Äußerliches zu vernachlässigen. Sie beobachtet das Leben der anderen Leute, aber ohne daran teilzuhaben. Darüber beginnt sie über das Leben von Künstlern wie Edward Hopper, Andy Warhol, David Wojnarowicz, Klaus Nomi, Henry Darger, und Nan Goldi, die in New York lebten und wirkten, zu sinnieren und begibt sich auf Recherchen in Archive, Museen und Bibliotheken. Die Künstler sind natürlich sehr unterschiedlich, aber sie porträtiert sie als Menschen, die Einzelgänger waren, auch wenn sie sich mit oft vielen Menschen umgaben, die nie Vertrauen zu den Menschen aufbauen konnten, und denen Emotionen oft fremd blieben. Manchmal wurden die Einsamkeit der Existenzen noch verstärkt, durch Armut, Verletzungen oder stigmatisierende Krankheiten (wie eine HIV Infektion bei Klaus Nomi). und die sich letztlich in ihrer Kunst ausdrückten und sich auch oft mit zu Kunstwerk machten wie zum Beispiel Andy Warhol und Klaus Nomi. Olivia Laing geht der Frage nach, inwieweit die soziale und psychologische Isolation eine künstlerisch-schöpferische Biographie begünstigt, indem sie radikale Lebenskonzepte befeuert, lange Phasen der Erfolglosigkeit durchhalten lässt und die fast zwangsweise Mittel der Selbstverwirklichung einsetzt, um Erfolg und Anerkennung zu erreichen. Sie zeigt aber auch, wie wenig die Anerkennung dann den Schmerz lindert und wie groß dieser dann doch zeitlebens für die Künstler blieb. Neben den faszinierenden Künstlerbiographien, geht es aber auch um Einsamkeit im normalen Leben, wie bei einem Umzug und dem Ende einer Beziehung wie bei Olivia Laing. Umzügen und Trennungen mögen vielleicht nur für eine bestimmte Zeit einsam machen und mögen vielleicht ein Abenteuer sein. Aber die Frage drängt sich auf, ob die Einsamkeit, die durch den Rückzug von Freunden, dem Auszug der Kinder, dem Tod eines Partners entsteht, aber eher dauerhaft, nicht keine Abenteuer mehr ist und generell mehr Aufmerksamkeit haben sollte. Das Buch macht, neben der spannenden Lektüre, auch sensibel für das Leiden, das normale Einsamkeit mit sich bringt.

Das zweite Buch, dass ich mir vorgenommen habe, ist „Weit vom Stamm“ von Andrew Solomon undhat den Untertitel „Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind“. Es ist mit über 1000 Seiten ein sehr umfangreiches Buch und ist im S. Fischer Verlag erschienen. Man sollte sich aber nicht davon abschrecken lassen, da die letzten 300 Seiten nur Anmerkungen und Bibliographie sind. Solomon ist Dozent für Psychiatrie an der Cornell University, Journalist und Schriftsteller und hat mit Eltern und Angehörigen von Kindern gesprochen, deren Kinder außergewöhnlich oder hochbegabt sind, die das Down-Syndrom haben, an Schizophrenie oder Autismus leiden, taub oder kleinwüchsig sind, Opfer von Vergewaltigung oder kriminell wurden. Es sind Bedingungen und Erkrankungen, die von den Eltern großen Einsatz erfordern, um die daraus resultierenden speziellen Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen. Die Eltern reagieren erst mal unvorbereitet auf Kinder mit ungewöhnlichen Bedürfnissen. Und sie sind oft verwirrt und gekränkt, weil die Kinder keine Abbilder von ihnen selbst sind, weil das Kind um seiner selbst willen geliebt werden will, und nicht etwa aufgrund seiner Leistungen.
Andrew Solomon zeigt auch die Besonderheiten, die die spezifischen Bedingungen der Kinder hervorbringen und wie individuell die Fälle oft sind, vom Charakter der Eltern und Kinder abhängen, den Einkommensverhältnissen der Eltern, vom Verhalten der Umwelt und damit oft von Ort und Zeit. Er zeigt, auch wie schwer es ist, Positionen zu bestimmten Themen zu finden. Zum Beispiel dürfen Menschen mit Erkrankungen Kinder mit Erkrankungen haben? Sind Eingriffe wie das Cochlea-Implantat bei Gehörlosen, das Gliedmaßen strecken bei Kleinwüchsigen sinnvolle und ethisch vertretbare Maßnahmen? Es gibt dabei zum Teil heftige Debatten bei den Betroffenen selbst und ihren Angehörigen, mit oft gegensätzlichen Meinungen. In der Vergangenheit wurde auch schon Verschiedenes ausprobiert und man kann davon lernen. Das Buch hat mir durch die direkten Darstellungen viele neue Einsichten eröffnet und einige Überzeugungen, die ich bereits zu verschieden Themen hatte, über den Haufen geworfen. Der zweite Aspekt den ich an dem Buch mag, ist das Solomon mit der Schilderung besonderer Fälle auch ganz universelle Einsichten über das Elternsein hat. Über die Sicherheit in der Eltern-Kind-Beziehung, über Erwartungen, und was die Identität mit dem Kind ausmacht und wie verletzlich die Elternliebe letztlich ist.

Olivia Laing: Die einsame Stadt. Aus dem Englischen von Thomas Mohr. btb Verlag, 411 Seiten
Andrew Solomon: Weit vom Stamm. Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind. Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind, Antoinette Gittinger, Enrico Heinemann, Ursula Held und Ursula Pesch. S. Fischer Verlag, 1104 Seiten
Passende Musik dazu: Nils Frahm: Wintermusik
