Die Post als Kommunikationsmittel hat großen Einfluss auf das Leben der Leute. Auch wenn heutzutage vieles nicht mehr in Papierform zugestellt wird, kommen mit der Post immer noch die wichtigen Sachen, die Sachen von Behörden, Kataloge und Werbesendungen und private Briefe und Postkarten. Und die Arbeit formt auch diejenigen, die die Post zustellen, die Postboten/innen. Die Arbeit wurde so wichtig eingestuft, dass in vielen Ländern Postboten/innen Bedienstete des Staates waren. Dafür wurde von ihnen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit und ein tadelloses Erscheinungsbild erwartet. In den beiden Büchern „Gleich später, morgen“ von Thomas Pfenninger und „Der Mann mit der Ledertasche“ von Charles Bukowski spielt jeweils ein Postbote die Hauptrolle. Aber wie dei beiden Hauptfiguren ihre Arbeit als Postboten ausfüllen und wie sich das Postleben auf ihr eigenes Leben auswirkt, ist in beiden Büchern höchst unterschiedlich. Und das wollen wir uns mal anschauen.

Thomas Pfenninger: Gleich, später, morgen
In dem Buch „Gleich, später, morgen“ von Thomas Pfenninger, erschienen im Züricher Kommode Verlag geht es um einen namenlosen Briefträger bei der Schweizer Post. Es ist Ende der 80er Jahre, das Ozonloch und der aufziehenden Jugoslawienkriege sind ein Thema. Der hilfsbereite und gutmütige Postbote begegnet den Empfängern der Briefe in einem Zürcher Quartier. Es gibt das Ehepaar Manzini, die kinderlos sind und die viele Rechnungen bekommen, der wachsame pensionierte Postleiter Schweitzer, die Frau Calouri, deren Tochter ins Ausland gezogen ist und die kein gutes Verhältnis zu ihr hat und andere mehr. Thomas Pfenninger beschreibt, wie die Figuren, die einem schnell vertraut werden, auf die Post regieren. Es gibt die, die ungeduldig auf Post warten, und die die eher bange Post empfangen und natürlich die, denen der Inhalt der Post gleichgültig ist. Aber der Postbote geht über das reine Zustellen der Post an die Empfänger hinaus („Er kannte seine Bewohner wie der Hirte seine Schafe und konnte sich Eigenarten und Vorlieben seiner Bewohner merken, wie der Wirt die Wünsche seiner Stammgäste erriet“). Er redet mit den Leuten und manchmal trinkt er mit ihnen.
Als die Geschichte sich entfaltet, verstrickt sich der Postbote mehr und mehr in die Geschichten der Empfänger. Er stellt Briefe nicht zu, öffnet und liest sie. Zum Beispiel bezahlt er Rechnungen der Manzinis, hält eine gerichtliche Vorladung an Schweitzer zurück, und schreibt einen Brief der Tochter an Frau Calouri um. Die Leute beginnen das Treiben des Postboten zu ahnen („Es kann nicht ewig unerkannt bleiben, wenn ein Briefträger seine eigenen Regeln zur Postzustellung aufstellt. Schließlich ist das Postwesen ein kaum zu korrumpierendes Kommunikationssystem“). Sie bekommen zu wenig Rechnungen, und warten vergeblich auf Post. Da es sich immer mehr zuspitzt, fliegt der Postbote auf und muss sich rechtfertigen. Das endet dann aber unerwartet und für den Briefträger, so viel kann man verraten, gibt es ein happy end.

Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche
In dem Roman „Der Mann mit der Ledertasche“ von Charles Bukowski lebt Henry Chinaski ein anderes Leben als Postbote. Das Buch wurde von Hans Hermann übersetzt und erschien bei Kiepenheuer & Witsch.
Henry Chinaski fängt eher aus Zufall und zunächst als Aushilfe bei den US postal service an („Aber ich sagte mir immer wieder, Herr Gott, als Briefträger braucht man nichts Anderes zu tun, als seine Briefe abzuliefern und mit der Hausfrau ins Bett zu steigen. Genau der richtige Job für mich, o ja ja ja.“). Als Zusteller plagt er sich mit Hunden, Regen und schikanierenden Vorgesetzten herum. Später im Innendienst dann mit Arbeitsüberlastung. Darüber spielen Frauen, Sex, Alkohol und Pferdewetten eine dominierende Rolle in seinem Leben.
Die Spannung des Romans kommt aus der Auseinandersetzung mit dem Beruf. Er empfindet seinen Beruf (zuerst als Zusteller auf der Straße, dann als Sortierer im Innendient) als Mühsal. Er schafft die Norm nicht, ist müde und kaputt, und hat Beschwerden. Auch um ihn herum macht die Arbeit die Leute fertig. Er begegnet dem mit Auflehnung, Verweigerung, und Frechheit. Oft sind es Auseinandersetzungen mit seinen Chefs, die sich selbst auf die Position gerettet haben und die anderen Jobs nicht mehr machen müssen, und ihren unsinnigen, absurden Anweisungen, deren Einhaltung akribisch überwacht wird. Das Berufsethos wird immer betont. Henry Chinaski erkennt die zweifelhafte Autoritäten nicht an. Alle Verstöße werden bestraft und oft beißen sich die Vorgesetzten an seinem Wiederstand fest. Zum Schluss des Buches kündigt Henry Chinaski, um Schriftsteller zu werden („Man musste mehr Formulare ausfüllen, wenn man aufhörte, als wenn man anfing“).
Charles Bukowski verwendet hier eine lakonische, nüchterne, aber sehr treffende Sprache und erzählt als Ich-Erzähler. Er verwendet kaum Metaphern. Alles ist wie von einer Kamera festgehalten. Es gibt keine Emotionalität. Die Wandlung Henry Chinaskis zum Schriftsteller ist kaum nachvollziehbar. Dass Henry Chinaski empfindsam und klug ist, sieht man nur an seiner Auflehnung und seinem Witz. Die ihm auferlegten Disziplinarmaßnahmen werden in einem Kapitel in Briefe der Postverwaltung wiedergegeben.
Damit bildet die Sprache Charles Bukowskis einen starken Kontrast zu Thomas Pfenninger. Das Buch ist auktorial erzählt und verwendet eine anschauliche originelle Sprache, mit vielen Vergleiche und (oft vermeintlichen) Weisheiten („Jeder weiss. Erwischt werden, tut gut. Die Schuld ist leichter als das Gewissen“). Es gibt oft komische Szenen z.B. wie Kinder versuchen, im Garten eines alten Ehepaares Kirschen zu stehlen. Thomas Pfenninger spielt mit Klischees des Schweizers, des Jugoslawen etc. und versieht den Roman mit Zürcher Lokalkolorit.
Anders als Henry Chinaski ist für den Zürcher Postboten die Arbeit keine Mühsal. Und auch anders als Herny Chinaski, dem die Empfänger der Post auf seinen wechselnden Routen fremd bleiben („Die Straßen waren voller verrückter und langweiliger Leute“) werden die Leute für den Postboten in seinem Zürcher Quartier zu Bekannten („Denn die Post, die jemand erhält, verrät viel: Absender, Interessen, Verstrickungen. Ohne es darauf anzulegen, fand er mit der Zeit über alle Bewohner des Viertels dies und das heraus“). Und nur für Herny Chinaski haben die Abweichungen Konsequenzen. Während der namenlose Postbote nur mal ermahnt wird, und seine Arbeit von Schweizer überwacht wird, macht er seine Arbeit weiter, während Herny Chinaski seinen Beruf aufgibt. Beide Bücher habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Dass Buch von Thomas Pfenninger ist ein warmes und aufmunterndes Buch, während das Buch von Bukowski auflehnend und witzig ist.
Thomas Pfenninger: Gleich, später, morgen. Kommode Verlag, 279 Seiten
Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche. Übersetzt von Hans Hermann. Kiepenheuer & Witsch, 204 Seiten
