In diesem Blogbeitrag möchte ich über zwei Bücher schreiben, die gemeinsam das Thema Meer und die Schifffahrt haben. Nein, keine Klassiker wie „Moby Dick“ oder „Der Seewolf“. Ich habe mir Bücher ausgesucht, die bestimmte Aspekte der Seefahrt auf sehr unterschiedliche Art behandeln. In dem einen geht es um eine Kapitänin und ihre Besatzung, in dem anderen um das Schicksal eines Passagiers. Ich habe die schmalen Bändchen, keines hat mehr als 200 Seiten, in den Ferien am Meer in Italien gelesen. Sie sind aber so gut, dass man sie überall kann.

Mariette Navarro: Über die See
„Es gibt drei Arten von Menschen: die Lebenden, die Toten und die Seefahrer“
In dem Roman „Über die See“ von Mariette Navarro geht es um das Mysteriöse der Meere, dem die Seefahrer ausgesetzt. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Sophie Besse und ist Verlag Antje Kunstmann erschienen.

Gezeigt wird das anhand eines Containerschiffs, welches unterwegs in den Tropen, auf dem Weg nach Guadeloupe, ist. Hauptfigur ist die Kapitänin, die sich in einem Männerberuf durchgesetzt und behauptet („Sie hat die anderen- Männer vor ihr- bei der Arbeit beobachtet, unter fordernden, manchmal herablassenden und misstrauischen Blicken hat sie alles gelernt, was man wissen muss, hat sich bewährt“.). Das Schiff wird gestoppt und alle Besatzungsmitglieder, bis auf die Kapitänin, gehen Schwimmen. Es scheint ein großer Spaß, eine Befreiung für die Schwimmer zu sein („Sie werden ihr ganzes Leben in einer einzigen Welle erfasst, das Ufer und das Erwachen ersehnt haben“), offenbart aber auch ihre Eigenheiten, Unsicherheiten und Ängste. Alle gelangen wieder an Bord, aber danach ist das Schiff nicht mehr das Gleiche. Es entwickelt ein Eigenleben. Und gibt es einen zusätzlichen Passagier? Und was hat der Vater der Kapitänin für eine Vorgeschichte?
Was das Buch so lesenswert macht, ist sein poetischer Ton, seine gekonnte Sprachbeherrschung. Navarro verwendet dabei Dialoge nur spärlich. Das Buch ist sehr atmosphärisch, und voller Spannung. Und sie spiegelt die seelischen Abgründe ihrer Figuren in den Schattenfiguren, denen sie begegnen. Und es bleibt bis zum Schluss mysteriös. Das Meer.
Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord
„Von einem Schiff zu fallen, war viel schlimmer, als das Tablett eines Kellners zu Boden zu reißen oder einer Dame auf die Schleppe zu treten.“
In dem Roman „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis geht es um das Schicksal eines Passagiers, der von Bord eines Schiffes fällt. Was passiert in einer solchen Situation? Und wie geht man damit um? Das wiederendeckte Buch, das bereits 1937 erschien, ist von Klaus Bonn aus dem Amerikanischen übersetzt worden und im Mare Verlag erschienen.

Was wie ein Alptraum klingt, widerfährt Henry Preston Standish eines morgens, als er früh wach ist und an Bord en Sonnenaufgang sehen wollte. Er rutscht auf einem Ölfleck aus und fällt in den Pazifischen Ozean. Zuerst überwiegt der Schreck über das Missgeschick und Standish versucht, Haltung zu bewahren. Er macht sich anfangs noch Hoffnungen, dass sein Fehlen bemerkt und er gerettet werden würde und malt sich aus, wie er später sein Abenteuer erzählen wird. Das Schiff zieht aber davon.
Der Roman ist hervorragend geschrieben. Er ist vielschichtig und offenbart eine gute Kenntnis der menschlichen Psychologie. Zudem besitzt Lewis die sprachlichen Fähigkeiten, das Thema sprachlich zu bewältigen. Lewis wechselt gekonnt zwischen den Perspektiven von Standish und den Passagieren und Besatzung an Bord.
Standish ist ein begüterter, vernünftiger und erfolgreicher Börsenmakler, ein Gentleman durch Herkunft und Erziehung, den aber doch etwas von dem konventionellen Leben mit seiner Frau und seinen zwei Kindern und seinem Beruf wegzog. In Rückblicken schaut Standish, im Wasser treibend, auf sein beschütztes Leben, indem er sich gefangen fühlte, und sich nach Freiheit und Abenteuer sehnte.
Die Passagiere und die Crew haben auch ihre Geschichten und Eigenheiten. Anders als von Standish vermutet, verhindern bestimmte Umstände an Bord, dass man nach ihm sucht. Als seine Abwesenheit letztlich bemerkt wird, gehen die Passagiere unterschiedlich damit um. Die Hypothese eines Selbstmordes überwiegt.
Die starke Wirkung von dem Buch kommt durch die Schilderung der Erwartung und Endgültigkeit des Todes. Standish ist unversehrt, als er von Bord fällt. Das Wasser ist ruhig und warm und Standish ist ein guter Schwimmer. Das Schiff ist längst weg. Dadurch bleibt ihm noch viel Zeit, über die Unumkehrbarkeit seines Todes nachzudenken. Es wechseln sich Hoffnung, Mut und Verzweiflung ab. Als er sich im Wasser nach und nach von seiner Kleidung und persönlichen Sachen trennt und dabei in Erinnerungen versinkt, muss er auch die damit verbundenen Aspekte seines Lebens nach und nach loslassen. Er betrauert sein noch ungelebtes Leben und ist gekränkt, weil wer sich ausmalt, wie das Leben für die anderen nach seinem Tod weitergehen wird. Nur eine interessante Person würde auf der Welt aber fehlen. Es ist ein kleiner Zufall, der sein Leben so stark beeinflussen hat. Das Buch ist eine großartige Wiederentdeckung durch den Mare Verlag. Von einem Autor, dem die Zerbrechlichkeit des Lebens gewahr ist.
Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord. Aus dem Amerikanischen von Klaus Bonn. Mare Verlag, 171 Seiten
Mariette Navarro: Über die See. Aus dem Französischen von Sophie Besse, Verlag Antje Kunstmann, 157 Seiten
