„Wir dürfen nichts lieb gewinnen“ – Aglaja Veteranyi

Ich will am liebsten tot sein, dann weinen alle bei meinem Begräbnis und machen sich Vorwürfe.“

In diesem Artikel möchte ich die Autorin Aglaja Veteranyi vorstellen. Aglaja Veteranyi wurde1962in Bukarest geboren. Als Kind war sie mit dem Zirkus unterwegs in der ganzen Welt. Als Schauspielerin und Autorin lebte sie in Zürich, wo sie Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Gedichte schrieb. Sie nahm sich 2002 in Zürich das Leben. In einer Buchhandlung in Zürich habe ich ihr Buch „Wörter statt Möbel“ gefunden und mich hat die Sprache von Aglaja Veteranyi fasziniert, da ich Stoff und Sprache so bisher noch nicht gelesen hatte. Danach habe ich noch Weiteres von ihr gelesen und finde es an der Zeit, sie hier vorzustellen.

In dem Roman „Warum das Kind in der Polenta kocht“, erschienen im dtv Verlag, wird die Geschichte einer umherreisenden Artistenfamilie aus der Sicht des jüngsten Kindes erzählt. Die Familie entkommt der Not und Diktatur in Rumänien, wobei das Kind die Heimat nur aus Erzählungen kennt. Sie kann auch die Heimatsprache nicht schreiben und lesen. Die Familie lebt im Wohnwagen und zieht mit dem Zirkus umher. So lernen sie andere Länder kennen.

Es ist ein Leben auf der Flucht, ohne Sicherheit. Das Reisen bedeutet ständiges Unterwegs- und Fremdsein und Heimatlosigkeit. Der Wohnwagen ist das zu Hause der Familie („Ich öffne die Tür vom Wohnwagen so wenig wie möglich, damit das Zuhause nicht verdampft.“). Der Vater ist unberechenbar, gewalttätig, und unterwirft alles seinen Launen („Der Vater betrinkt sich auch so, ohne Trinken steigt er gar nicht aus Seil, weil ihm sonst das Gleichgewicht fehlt.“) Die Mutter hat eine Zirkusnummer, bei der sie an den eigenen Haaren von der Zirkuskuppel hängt. Die Tochter hat immer Angst davor, dass die Mutter bei dieser Nummer abstürzt („Ich warte den ganzen Tag auf die Nacht: Wenn meine Mutter nicht abstürzt von der Kuppel, essen wir nach der Vorstellung gemeinsam Hühnersuppe.“). Um die Schwester zu beruhigen erzählt die ältere Schwester ihr im Wohnwagen das grausame Märchen vom Kind, das in der Polenta kocht.

Die Familie kann auch nicht zurück nach Rumänien. Sie erfahren von Konsequenzen für die Dagebliebenen (Kummer, aber auch Folter). Sie haben Angst vor Entführung.   Es erreichen sie aber auch Bettelbriefe der Verwandten, Bitten um Waren und Geld. Man geht davon aus, dass die Familie im Ausland zu Geld gekommen ist. Die Schwestern kommen in ein Internat. Die Familie zerbricht und der Vater verlässt die Familie.

Der Roman erinnert durch die Erzählperspektive und den Stil an Agota KristofsDas grosse Heft“. Das Harte und Dramatische wird unauffällig und lakonisch erzählt. Es ist oft ein Einschub, eine Nebenbemerkung, die stutzig machen. Es gibt viele schicksalshaften Situationen und Wendungen in dem Buch und es ist die grosse Kunst Aglaja Veteranyis, dass sie alles durch die Augen eines Kindes schildert, das die Situationen noch nicht durchschauen kann und kaum Handlungsoptionen hat. Und so hat das Kind immer eine Distanz, aber auch ein Gefühl des Ausgeliefertseins zu dem Erlebten. Und vielleicht ist es gerade die Distanz, die zeigt, wie schlimm die Erfahrung für das Kind wirklich gewesen sein muss. Das Märchen von dem Mädchen, das in der Polenta kocht ist grausam, aber die Wirklichkeit ist noch viel mehr.

Der Verlag Der gesunde Menschenverstand hat in zwei Bänden Material aus dem Nachlass von Aglaja Veteranyi, Unveröffentlichtes, und bis nur in Zeitung erschienenes, gedruckt. Im Sinne der edition spoken script des Verlages sind Texte versammelt, die sich zum Sprechen und Aufführen auf Bühnen eignen oder eigens dafür geschrieben worden.

In dem Band „Wörter statt Möbel“ sind kürzere Texte und Sprüche Aglaja Veteranyi versammelt. Der Titel des Bandes ist ein Spruch aus dem Buch entnommen. Die Geschichten erinnern manchmal an Adelheid Duvanel. Gelegentlich hatte ich Mühe mit den Texten und Sprüchen, wenn die Sätze nach der ersten Wirkung einer rationalen Prüfung beim zweiten Lesen nicht standhalten konnten. Der Monolog „Mamaia oder Traurigkeit machen dich alt“ ist der beste Text in dem Band. Hier spricht vermeintlich die Mutter der Autorin, wie sie zu erkennen gibt, in fehlerhaftem Deutsch mit rumänischen Einsprengseln vom Leben als Zirkusartistin, die von Rumänien in die Schweiz flieht. Sie berichtet von ihren Erlebnissen, Träumen und Enttäuschungen.

„Man müsste mit den Augen schreiben können“

In dem Band „Café Papa“ sind Texte abgedruckt, die mit der rumänischen Herkunft der Autorin zu tun haben. Zum Beispiel der Bericht „Lustiger Friedhof“ über die Reise in das rumänische Karpartendorf Sapanta. Es gibt aber auch einen Text „Vorsicht bissige Hühnersuppe“ über Daniil Charms, der auch ein Vorbild für Aglaja Veteranyi gewesen sein dürfte mit der Liebe zu grotesken Texten, Sprachwitz, Orientierung am Wort, um es dann, wie im Witz, zu missverstehen. Dann gibt es noch einen Text über die Kindheit im Zirkus, der den Stoff, wie das „Warum das Kind in der Polenta kocht“ thematisch behandelt.

Aglaja Veteranyi: Wörter statt Möbel. Edition spoken script. Der gesunde Menschenversand, 177 Seiten

Aglaja Veteranyi: Café Papa. Edition spoken script. Der gesunde Menschenversand, 144 Seiten

Aglaja Veteranyi: Warum das Kind in der Polenta kocht, dtv, 189 Seiten

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