„denn nur als gebrannte Kinder können wir andere wärmen“
Stig Dagerman ist ein schwedischer Autor, dessen künstlerisches Schaffen von exzessiven Schreibphasen und Schreibblockaden geprägt war. Seiner Zeit erlebte er einen schnell wachenden Erfolg. Sein Werk wird zurzeit in neuen Übersetzungen wieder aufgelegt. Aus dem Guggolz Verlag habe ich den Roman „Gebranntes Kind“, aus dem Schwedischen übersetzt von Paul Berf, gelesen. Der unabhängige Verlag hat sich der Neuausgabe in Vergessenheit geratener Werke aus Nord- und Osteuropa verschrieben, und macht sie durch Neuübersetzungen wieder zugänglich.
Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt: In einer Arbeiterfamilie stirbt die Mutter an einer Krankheit. Der Sohn Bengt, der kaum erwachsen ist und studiert, denkt, dass er der Einzige ist, der wirklich um die Mutter trauert. Der Vater Knut möchte seine neue Frau Gun, die vorher schon seine Geliebte war, in die Familie bringen. Bengt reagiert mit Ablehnung und Wut. Zu Mittsommer fahren Bengt mit seiner Freundin Berit und der Vater mit Gun gemeinsam zu einem Ferienhaus auf eine Schäreninsel. Dort werden Gun und Bengt, man hat es schon vorher gemerkt, dass Gun Bengt gefällt, Geliebte. Gun und Bengt verbringen später Zeit zusammen auf der Insel. Als der Vater und Gun heiraten, endet die Beziehung zwischen Gun und Bengt, aber nicht ihre Anziehung zueinander. Die Geschichte endet mit dem Selbstmordversuch Bengts.
Was das Buch fesselnd und lesenswert macht, ist wie Stig Dagerman das Buch konstruiert hat. Was Dagerman gut kann, ist Figuren zu erschaffen. Er zeigt die Figuren in ihrem Verhalten als egoistisch, manchmal boshaft, oder anderen Leid zufügend. Sie vertrauen sich nicht und kontrollieren sich gegenseitig („Keinem kann man vertrauen. Denen man am meisten vertraut, die man am meisten liebt, auch sie können einen betrügen“). So gab es für mich am Anfang keine sympathische Figur. Aber im weiteren Geschehen fächert Dagerman das Verhalten der Figuren mehr und mehr auf. Er zeigt ihre Motive und ihre Widersprüche. Man versteht, dass die Figuren komplex sind, manchmal gefangen in moralischen Dilemmas und in der Folge nicht anders handeln können, ähnlich den Figuren Emmanuel Boves, und sehe das zutiefst Menschliche daran.

Da ist Bengt, der nicht das Leben seines Vaters führen möchte, sondern mehr Intensität sucht („Mein Leben lang habe ich, mehr oder weniger bewusst, nach einer Lebensmöglichkeit gesucht, die seiner nicht gleicht, die reiner, rücksichtsloser und leidenschaftlicher ist, die mehr fordert, die gefährlicher brennt, die einem alles schenkt außer das schlappe Glück“). Er hat einen unstillbaren Hang nach Trost, den er in Sex mit Frauen sucht, so wie es Dagerman in dem Text „Trost“ auch über sich selbst schreibt. Darüber hat Bengt einen Hang zu Grübeleien und Selbstmordgedanken, die er vor allem in Briefen an sich selbst ausdrückt. Bengt ist grob zu Berit und er schlägt den Hund des Vaters, weil er verletzt und wütend ist und die Anderen bestrafen möchte. Er leidet immer an seinen Handlungen, ist rücksichtsvoll und lenkt oft in Situationen ein, so dass er die Beziehung zu Berit nicht aufs Spiel setzt und auch die Beziehung zwischen dem Vater und Gun nicht zerstört.
Da ist der Vater, ein Arbeiter, der sich für den Sohn interessiert, ihn aber nicht gut verstehen kann. Er ist schlicht, mit sich zufrieden und nicht sehr emotional. Man kann ihn verurteile, weil sie schon vor dem Tod der Mutter eine Geliebte hatte und Gun dann noch vor Ablauf des Trauerjahres heiratet. Erst später erfährt man dann, dass es eventuell gar nicht gut um die Beziehung der Eltern stand und auch die Mutter einen Liebhaber hatte.
Bei den Frauen gibt es zwei Typen: Da sind Berit und die Mutter, die beide „hässlich“ und manchmal peinlich im Auftreten sind. Mit denen sind zuerst der Vater und der Sohn zusammen. Und es gibt Gun, die schön und unabhängig ist. Diesen Typus wollen dann beide. Die Beziehung zwischen Gun und Bengt ist sehr intensiv, aber sie hat keine Basis, um dauerhaft zu sein.
Die Figuren werden oft nicht beim Namen genannt, sonders nur ihrer Rolle nach als die Mutter oder der Vater bezeichnet. Es gibt eine Distanz der Figuren untereinander. Sie haben etwas Trennendes und Unüberwindbares. Sie können sich nicht öffnen, verbinden, oder verletzlich zeigen. Das ändert sich erst mit Bengts Selbstmordversuch, was die Beziehung Bengts zum Vater und zu Berit betrifft.
Es gibt kaum Dialoge zwischen den Figuren. Es wird meist eher nachträglich geschildert, was zwischen den Figuren gesprochen wurde. Das kreiert beim Lesen den Eindruck, dass vieles ausgesprochen bleibt. Bengt schreibt Briefe an Berit, den Vater und Gun und auch an sich selbst, in denen er sich seine Gefühle und Gedanken offenlegt.
Was Dagerman außerordentlich gut kann, ist Stimmungen zu erzeugen. Verlegenheit, Kälte oder Angst kann er so schildern, dass sie beim Lesen spürbar werden. Das schafft er durch einen speziellen Ton (z.B. „zur Strafe beschloss sie die Tasche nicht zurückzugeben“). Dagerman beschreibt Situationen wie in Zeitlupe z.B. verweilt er bei der Verlegenheit und Erwartungen des Wartens, als Bengt Gun kennenlernen soll. Er kann gut Liebesszenen schildern und die Leere nach intensiver Liebe. Szenen werden manchmal eingeleitet oder weiterentwickelt, indem Dagerman vermeintliche Sinnsprüche einbaut.
Zusammengenommen ist „Gebranntes Kind“ immer noch ein Werk, das einem Jahrzehnte nach dem ersten Erscheinen beim Lesen noch beindruckt und berührt, weil es die die Sprache gekonnt benutzt, um die menschliche Psyche mit ihren Begierden und Widersprüchen tief zu ergründen.
Stig Dagerman: Gebranntes Kind. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Guggolz Verlag, 299 Seiten
Stig Dagerman: Trost. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Fischer Verlag, 64 Seiten
Ein kurzer Nachtrag zum Guggolz Verlag. Der unabhängige Verlag wurde von Sebastian Guggolz gegründet und hat sich der Neuausgabe in Vergessenheit geratener Werke aus Nord- und Osteuropa verschrieben, die es wert sind, in der heutigen Zeit noch gelesen zu werden. Um sie einem heutigen Publikum lesbar zu machen, werden die Bücher oft neu übersetzt.
Als Verfasser des letter&press Blogs kann ich dabei seine Leidenschaft, Bücher, die einem auf dem Hintergrund der eigenen Lektüreerfahrung besonders gefallen haben, anderen Lesern empfehlen zu wollen, natürlich gut nachvollziehen. Es ist auch eine große unternehmerische und handwerkliche Leistung, die man nicht genug würdigen kann, Bücher, die in Sprachen erschienen sind, die ich nicht im Original lesen kann oder die in Übersetzungen nicht mehr erhältlich sind, Leser überhaupt verfügbar zu machen. Zudem haben die Bücher aus dem Guggolz Verlag eine hochwertige Aufmachung. In Zukunft werde ich bestimmt noch über das ein oder andere aus dem Verlag in meinem Blog schreiben.
