
„Aber zum Teufel, wir bauen den Sozialismus auf, wir können gar nicht anders, und wir wären unglücklich, wenn wir es nicht könnten. Nenn ruhig das Kind beim Namen: dieser Riesenklotz stellen wir hin, und wir legen ganz schönes Tempo vor.“
Über Siegfried Pitschmann schrieb Brigitte Reimann in ihren Tagebüchern: „Freilich, er arbeitet sehr langsam, und er hat immerfort Krisen, und er ist weder körperlich noch seelisch gesund – aber er wird ein paar gute Bücher schreiben, wirkliche Literatur, dessen bin ich mir sicher.“ Reimann und Pitschmann waren eine Zeitlang verheiratet. Zu DDR Zeiten waren beide bekannte Schriftsteller, aber im Gegensatz zu Reimann, ist Pitschmann seit dem Mauerfall nahezu vergessen. Ich habe mir jetzt seine Erzählung „Erziehung eines Helden“ aus dem Aisthesis Verlag vorgenommen.
Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen Pianisten, der seinen Beruf aufgibt, um als Bauarbeiter beim Aufbau des Gaskombinats Schwarze Pumpe zu arbeiten. Der Grund ist seine Enttäuschung, es nicht zu einem Konzertpianisten geschafft zu haben, aber Ausschlag gibt die Trennung von einer Frau. Pitschmann erzählt das in verschiedenen Episoden, die Verabschiedung von der Frau, die Fahrt mit dem Zug zur Baustelle, die Untersuchung durch den Betriebsarzt, die Verrichtungen der Arbeitstage, der Besuch in der Kneipe mit den Kollegen, die geteilte Wohnung und endet mit der Schilderung der ersten überstandenen Nachtschicht. Es wird erzählt wie der Mann als Neuling beginnt. Er verlädt zuerst Betonplatten und später Wagen mit flüssigem Beton. Das sind harte Tätigkeiten, die schon von vornerein als aussichtslos erscheinen. Zu ehrgeizig das Ziel, zu schwer die Platte. Zu wenig Leute, um sie zu transportieren (eigentlich, denke ich, sollte das eher von geeigneten Maschinen gemacht werden). Die nicht vorhandene Schutzkleidung, die nicht funktionierenden Geräte, die kaum abgesicherte Arbeit in Höhe etc. Er passt sich an, versucht anfänglich noch die erbrachte Leistung innerlich zu protokolieren, und gibt sich dann aber ganz der Tätigkeit hin. Er übersteht die Arbeitstage und findet sogar gefallen an der Arbeit. Die anderen Arbeiter, die zuerst neugierig abwarten, wie sich der Neuling bewähren wird, sind so an die Eigentümlichkeiten von Menschen gewöhnt, so dass sie ihn schnell als Kollegen akzeptieren.

Der Titel „Erziehung eines Helden“ ist für ihn ernst und ironisch zugleich gemeint. Er nennt es selbst eine verrückte Idee, als Intellektueller auf dem Bau zu schuften. Der Betriebsarzt ist skeptisch, da er sich mit Betonarbeiter eine schwere Aufgabe ausgesucht hat und nicht die körperliche Konstitution dafür hat. Er merkt bei jedem Griff, dass er nicht stark genug ist. Auch ist er nicht schwindelfrei, was er aber nicht zugeben kann. Er stürzt bei Arbeiten auf dem Dach ab, und wird von einem Sicherheitsnetzt aufgefangen. Es unterscheidet ihn aber von den Kollegen, dass er ein Talent hat, das er ausgebildet hat und die Tätigkeit auf dem Bau freiwillig gewählt und sein altes Leben (über das die Kollegen nichts wissen) hinter sich gelassen hat. Einmal wird sein altes Leben kurz sichtbar, als er bei einem Kneipenbesuch mit den Kollegen dem Drang nachgibt und auf einem alten Klavier Konzertstücke spielt. Und wenn ihm auch die Arbeit mühevoll und repetitiv erscheint, ist er doch stolz, dass er die Schichten übersteht und dass er etwas durch seine Arbeit geschaffen hat, im Gegensatz zu der Enttäuschung über sich als Pianist. Und das Buch endet mit der Aussicht, dass er diese Arbeit weitermachen wird und alles damit Zusammenhängende annimmt. Bei mir bleibt aber die Skepsis, ob er der Arbeit auf Dauer gewachsen sein wird.
„Du bist in die Mühle geraten, und du wirst erbarmungslos durchgedreht, ob du willst oder nicht. Jetzt erst fängst du an zu begreifen, was Arbeit heisst, mein Lieber, jedenfalls wirst du es dann begriffen haben, wenn du irgendwie heil aus dieser Mühle rauskommst.“
Der Titel bezieht sich aber auch auf den Arbeiter im Sozialismus. Es gibt durchaus die ehrliche Motivation der Arbeiter, Helden der Arbeit zu sein. Mit der Errichtung des Industriebaus Schwarze Pumpe können sie beim Aufbau des Sozialismus tatkräftig mitwirken. Aber es bedeutet in der Realität auch harte körperliche Arbeit. Arbeit im Akkord, an die sich die Arbeiter anpassen können (Ökonomie des Muskelspiels). Aber manchem hilft auch nur Alkohol, eine Nachtschicht zu überstehen. Es bedeutet auch Ungleichheit in der Verteilung der Arbeitsaufgaben das Übererfüllen der Norm (die zudem manchmal auch nicht ganz ehrlich erfasst wird), das durch Prämien angestachelt wird, Nachschichten, verschlissenes oder nicht vorhandenes Material, Unfälle, das persönliche Haften der Verantwortlichen, die bei Vorfällen und Unfällen für ihr Versagen ins Gefängnis kommen können.
Pitschmann erzählt den Alltag der Bauarbeiter lakonisch, und sehr gekonnt. Er beschreibt die Verrichtungen und was es mit ihm macht. Und er beschreibt die Eigenschaften der Kollegen und Vorgesetzten in kurzen Porträts.
In dem kundigen Nachwort erfahre ich, dass die Erzählung Pitschmanns autobiographisch ist. Pitschmann geht schon zweieinhalb Jahre vor dem Bitterfelder Kongress, wo Künstler von Walter Ulbricht aufgerufen werden, in die Produktion zu gehen, um die Trennung von Kunst und Leben, von Künstler und Volk zu überwinden als Betonbauer ins Kombinat Schwarze Pumpe. Es war aber nicht sein Ziel Material für ein Buch zu sammeln. Pitschmann muss aus gesundheitlichen Gründen kündigen und schreibt dann in einem Schriftstellerheim über seine Zeit im Kombinat. Seine Frau Brigitte Reimann half ihm beim Schreiben des Buches, das er selbst durch Blockaden und Selbstzweifel nicht fertig gestellt hätte.
Als die Erzählung fertig war, war es aber genau der Erzählstil Pitchmanns, der dazu führte, dass das Werk nicht veröffentlicht wird. Es war Doktrin des Schriftstellerverbandes der DDR, dass die Schilderung des Alltags der Arbeiter nicht in der „harten Schreibweise“ erfolgen sollte. Vorbilder waren eher Werke wie „Zement“ des sowjetischen Autors Fjodor Gladkows, dass die Arbeit verklärte. Das unveröffentlichte Manuskript „Erziehung eines Helden“ wird auf einer Sitzung des Schriftstellerverbandes angegriffen. Zuerst in einer Rede Erwin Strittmatters, wo er nicht namentlich genannt wird, aber die Bezüge auf das Werk klar sind, und später bei einer Sitzung des Schriftstellerverbandes, wo das Manuskript verrissen wird. Pitschmann ist völlig verstört und begeht einen Selbstmordversuch. Er versucht die Erzählung später noch umzuschreiben, damit es dem Ideal des Schriftstellerverbandes entspricht, es gelingt ihm aber nicht. Das Buch wurde erst nach dem Tod Pitschmanns veröffentlicht. Der Bielefelder Aisthesis Verlag hat den Originaltext herausgebracht, ohne Streichungen, ergänzt durch die Erzählung „Ein Mann namens Salbenblatt. Es enthält schwarz-weiß Fotos von der Baustelle Schwarze Pumpe. Das Buch „Erziehung eines Helden“ lohnt sich zu lesen, man lernt dadurch einen talentierten verkannten Schriftsteller kennen und lern tauch mehr über die die Zeit der sozialistischen Industrialisierung.
Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden, Aisthesis Verlag, 249 Seiten
Photo by Ilse Orsel on Unsplash
