„Wenn es darauf ankommt, die Beweggründe der menschlichen Psyche auszuloten, traue ich Dichtern wesentlich mehr zu als Ärzten.“
Es sind gleich die ersten Geschichten in dem Band „Knisternde Schädel“ von Roger Van de Velde, die mich verstören. Eine Katze wird brutal getötet, weil sie dem Besitzer ein Stück Grillfleisch gestohlen hat. Oder wie sich der Erzähler unter potenzieller Gefahr seines Lebens Rasieren lässt, weil der Barbier ihn für einen Spitzel hält und auf Rache aus ist. Und ich merke, dass der Erzählende an einem Ort ist, an dem eigene Gesetze herrschen und der wenig Schutz für den Erzählenden bietet.
Geschichten aus der Psychiatrie der 60er Jahre
Der Band versammelt zwanzig kurze Erzählungen über die Patienten einer psychiatrischen Anstalt in Belgien in den 1960er Jahren. Es sind Porträts von männlichen, erwachsenen Patienten. Es gibt harmlosen Sonderlinge wie der taubstumme Patient, der dem Erzähler Fragen um Auskünfte und Bitten auf Zettel schreibt. Oder der Patient, der Todeslisten von Philosophen anfertigt, weil sie vermeintlich seine Ideen gestohlen haben. Aber es gibt auch gewalttätige und gefährliche Patienten, Es sind Geschichten, in denen es oft eine Wendung gibt, ein Eskalieren der Situationen mit den Porträtierten im Mittelpunkt als Opfer oder als Auslöser.
Man merkt, dass Patienten an einem besonderen Ort sind, dass sie auch gegen ihren Willen hier festgehalten werden können (manchmal werden Patienten entlassen, aber darüber entscheidet eine Kommission). Patienten werden zu Therapiezwecken zu Beschäftigungen angehalten, obwohl sie das oft nicht wollen, oder manchmal auch gar nicht können (z.B. ein Patient soll Trompete spielen). Es ist ein Ort, wo Briefe zensiert werden und auch sonst vieles verboten oder eingeschränkt, und überwacht wird. Wärter gebrauchen Gewalt, um Patienten zu bändigen.
Es ist ein Ort, an dem es schwierig ist, sich zu behaupten. Geschlafen wird in einem Schlafsaal. Toilettensitze, passende Kleidung und Stühle sind knapp und es gibt erbitterte Konkurrenz um die knappen Dinge. So schlagen sich zum Beispiel Patienten um besondere Kleidungsstücke. Es ist laut, es gibt kaum Raum zum Rückzug, und dauernde Vorfälle und Krisen von Patienten fordern Aufmerksamkeit. Der Erzähler selbst muss sein Handeln gegenüber Patienten bedenken und wägt vorsichtig ihre Reaktionen ab.

Geschichten aus eigener Erfahrung
Roger Van de Velde kennt die Psychiatrie aus eigener Erfahrung. Der belgische Autor, der 1925 im belgischen Boon geboren wurde, war zuerst als Journalist tätig. Nach mehreren Magenoperationen wurde ihm 1958 das neue starke Schmerzmittel Palfium verschrieben, von dem er schnell abhängig wurde. Als Van den Velde von der Polizei gestoppt wird, weil er unter dem Einfluss des Medikaments auf der falschen Straßenseite fährt und später auch wegen gefälschter Verschreibungen angeklagt wird, plädiert er auf geistesgestört, um nicht ins Gefängnis zu müssen. Er kam dafür aber in den psychiatrischen Teil des Gefängnisses und verbrachte die meiste Zeit seiner verbleibenden acht Lebensjahre dort.
Van de Velde ist ein aufmerksamer, klarer Beobachter, der seinen porträtierten Figuren immer wohlwollend gegenübersteht. Er macht in den jeweiligen Beobachtungen das Besondere an dem Verhalten der Figur sichtbar, opfert sie aber nicht der Unterhaltsamkeit. In dem Vorwort zu dem Band macht er auch klar, dass nicht alles Erlebte erzählbar war. Er schreibt manchmal ironisch, aber nicht verbittert, ängstlich oder zornig, trotz der harschen Bedingungen und dem Mangel an Freiheit.
Der schwierige Weg bis zur Veröffentlichung
In der Psychiatrie wurde Van de Velde zum Autor, die Veröffentlichung der Texte gestaltete sich aber schwierig. Für sein Debut schmuggelte seine Frau die Texte in Zigarettenschachtel heraus. Als sie erschienen, bekamen sie in literarischen Kreisen viel Aufmerksamkeit. Die belgischen Behörden waren aber entsetzt, dass Informationen aus einer psychiatrischen Anstalt an die Öffentlichkeit gelangten. Van de Velde bekam Publikationsverbot und ihm wurde seine Schreibmaschine weggenommen. Er schrieb aber weiter und konnte bald darauf, durch den Einsatz verschiedener Schriftsteller, auch wieder veröffentlichen. Durch die Vermittlung seiner Schriftstellerkollegen wurde er entlassen. Kurz bevor er in einer Suchtklinik die notwendige Behandlung bekommen konnte, starb Van de Velde 1970 an einer Überdosis Palfium mit zu viel Alkohol in einem Antwerpener Café.
Die Erzählungen wurden aus dem belgischen Niederländisch von Annette Wunschel übertragen und sind 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen. Ich konnte die Erzählungen nicht am Stück durchlesen und musste sie zwischendurch immer wieder weglegen. Es sind die einzelnen Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Ihre tragisch komischen Geschicke. Dann wieder bin ich entsetzt über die Gefühllosigkeit der Methoden in den psychiatrischen Einrichtungen der 60er Jahre. Und dann bin ich wieder gefangen, wen Van de Velde seine Situation reflektiert. Und so sind diese Erzählungen sehr lesenswerte Literatur.
Roger Van de Velde: Knisternde Schädel. Aus dem belgischen Niederländisch von Annette Wunschel. Suhrkamp Verlag. 143 Seiten
