Primo Levi: Ist das ein Mensch?

„Wir sind nichts Anderes als müde Tiere“

Primo Levi, italienischer Chemiker jüdischer Herkunft überlebte den Holocaust. In dem Bericht „Ist das ein Mensch?“, aus dem Italienischen übersetzt von Heinz Riedt und erschienen im dtv Vetrlag, beschreibt er chronologisch und dokumentarisch die Zeit vom Februar 1944 bis Januar 1945. Levi wurde als 24-jähriger Partisan verhaftet und nach einer kurzen Zeit im Lager, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er Jude war, mit dem Zug nach Ausschwitz-Monowitz gebracht. Levi stammte aus einer assimilierten Familie, was typisch für die damalig in Italien lebenden Juden war. Was vorher für ihn nur ein unbedeutendes Detail gewesen war, bekam durch die Nürnberger Rassegesetzte eine existenzielle Bedeutung.

Levis Bericht konzentriert sich darauf zu zeigen, dass die Konzentrationslager im Nationalsozialismus so konzipiert waren, dass sie ihre Opfer entmenschlichten. Die Entmenschlichung war dabei kein zufälliges Nebenprodukt davon, dass man Menschen zusammensperrt, sondern ein zentrales ideologisches Ziel („das Lager ein großer Mechanismus ist, der uns zu Tieren herabwürdigen soll“), dass organisatorisch und operativ umgesetzt wurde. Levi zeigt anhand bestimmter kognitiver, sozialer und kultureller Merkmale, was den Menschen letztlich vom Tier unterscheidet, und wie die Konzentrationslager darauf ausgerichtet waren, diese Merkmale zu zerstören.

Für die Häftlinge beginnt mit der Ankunft in Auschwitz die systematische Auflösung ihrer Individualität und Würde („In einem einzigen Augenblick und fast mit prophetischer Schau enthüllt sich uns die Wahrheit: Wir sind in der Tiefe angekommen.“). Levi schildert, wie die Häftlinge mit dem Eintritt Nummern erhielten, die sie anstatt ihrer Namen, benutzten mussten. Primo Levi wurde so zu Häftling Nummer 174 517. Den Häftlingen wurde jeglicher persönliche Besitz genommen. Sie mussten sich, nach dem Scheren des Kopfes, Dusche und Desinfektion in schäbige und für das Wetter ungeeignete gestreifte Kleidung anziehen, die sie alle gleich aussehen ließ. Als Kontrast dazu hebt Levi in dem Bericht dann immer bewusst das Schicksal einzelner Personen hervor und zeigt, dass sie das Lager doch individuell erlebten und ertrugen.

Weiterhin zeigt Levi, wie die Arbeits- und Lebensbedingungen das Leben der Gefangenen vollständig beherrschen („Ein Tag wie jeder andere fängt an, so lang, dass man sich vernünftigerweise sein Ende gar nicht vorstellen kann, bei aller Kälte, all dem Hunger, all der Plackerei, die uns davon trennen.“). Hunger, Kälte und Krankheiten waren keine unbeabsichtigten Folgen, sondern systematisch eingeplante Mittel, um die Insassen zu brechen und zu degradieren. Die Arbeit war sinnlos und diente nur zur weiteren Schwächung. Die Häftlinge waren zudem ständig Brutalität, Folter, öffentliche Demütigungen und Mord ausgesetzt. Es rettet ihn, dass er als Chemiker eingeteilt wird, und damit seine Bedienungen etwas verbessern kann.

Levi beschreibt die kulturelle und soziale Zerstörung der Häftlinge. Er schildert, wie Menschen aufhören, aus Hunger, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit über ihre Existenz zu reflektieren. Der Häftling lebt von Moment zu Moment, erlebt die Nacht, den Arbeitstag, den Tag im Krankenlager. Es gibt viele Regeln im Lager, aber dennoch ist vieles willkürlich. Man kann eigentlich nur durch das Nichtbefolgen der Regeln überleben und jeder versucht durch sein Verhalten instinktiv seine Überlebenswahrscheinlichkeit zu verbessern. Man organisiert und handelt, oder versucht in der Hierarchie der Häftlinge aufzusteigen. Diebstähle und das Mitnehmen von Vorteilen sind allgegenwärtig. Aber dennoch ist das sehr gefährlichste, da die Nichtbeachtung der Regeln drastisch bestraft wird.

Der Gebrauch der Sprache ist stark reduziert. Unterhalten können sich die Häftlinge nur, wenn sie jemanden finden, der die gleiche Sprache spricht („man ist von einem fortwährenden Babel umgebe“). Die Häftlinge empfangen Befehle in deutscher Sprache, die sie oft nicht verstehen, aber deren Bedeutung sie flugs begreifen müssen. Für Gespräche, um zu erklären, zu reflektieren und Wissen weiterzugeben ist kein Raum. Manchmal gibt es Situationen, wo Kunst und Kreativität sich zeigen, aber auch dann dienen sie praktischen Zwecken, etwa wenn ein Häftling für andere Häftlinge singt und tanzt, um Brot zu bekommen. Aber meist findet es nicht statt, da es entweder verboten oder unmöglich ist.

Und zuletzt ist der Mord der Gefangenen die letzte systematische „Entmenschlichung“. Levi schreibt, dass die Häftlinge wussten, dass alles nur darauf ausgerichtet ist, sie zu töten. Es gibt die Muselmänner, Menschen, von denen man weiss, dass sie nicht mehr lange leben werden („Man zögert, sie als Lebende zu bezeichnen; man zögert ihren Tod, vor dem sie keine Angst haben, als Tod zu bezeichnen, weil sie zu müde sind, ihn zu begreifen.“). Das System der Selektionen lernt er kenne, als in der Krankenstation ist und eher durch Zufall nicht ausgewählt wird. Er zeigt an Beispielen, dass es nur Einzelschicksale wie Levi selbst sind, die es geschafft haben, zu überleben, manchmal durch Findigkeit, aber oft nur durch Zufall. Aber die statistisch wahrscheinlichere Variante im Lager ist nicht das Überleben, sondern der Tod. Das Töten erfolgt, wenn Erschöpfung, Hunger, Kälte, Arbeit, Krankheiten und Misshandlungen das nicht bereits vollbrachten, industriell in den Gaskammern. Die Toten wurden verbrannt und ihre Asche verstreut und so das Sterben zu einem Massenprozess degradiert. Es war weder möglich, mit dem Tod der anderen Häftlinge umzugehen, noch seinem eigenen Tod zu entkommen. 

Das Ende, eher die Auflösung, des Lagers zeichnet sich ab, als es erst Nachrichten und Gerüchte und dann Bombardierungen gibt. Levis Leben ist nochmals stark gefährdet und er entkommt nur durch Zufall den letzten Selektionen und dem Todesmarsch. Es fliehen die Wachen und die Häftlinge überleben die Zeit bis zur Befreiung durch die Rote Armee nur durch Selbstversorgung. Mit dem Ende des Lagers kommt das Menschliche wieder, etwa als Gesten der Dankbarkeit in Form geteilten Brotes. Aber auch nach der Befreiung Sterben noch ehemalige Häftlinge an den Folgen der Lagerhaft.

Das Überleben von Ausschwitz machte Levi zum Schriftsteller. Er möchte Zeugnis ablegen von den Verbrechen und hofft, dass die Erinnerung eine Wiederholung der Geschichte verhindert. Das Buch „Ist das ein Mensch?“ erschien zuerst 1947, wurde wohlwollend von der Kritik aufgenommen. Die ursprüngliche Auflage von 2500 Stück wurde aber nur zum Teil verkauft. Levi hatte vorausgesehen, dass man die Zeugnisse der Überlebenden nicht hören wollen würde. Das Buch wurde in Italien 1957 neu aufgelegt, wurde 1961 auch auf Deutsch, was für Levi eine große Bedeutung hatte. Es wurde fürs Theater bearbeitet und ist oft Schullektüre. Es ist damit, zu den Werken von Imre Kertész, Ruth Klüger, Anne Frank, und Anderen, zu einem wichtigen Buch der Erinnerung geworden.

Primo Levi: Ist das ein Mensch? Aus dem Italienischen von Heinz Riedt. dtv, 169 Seiten

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