Portrait Verlag zero sharp

In diesem Beitrag möchte ich den Verlag zero sharp vorstellen,der sich der Wieder- und Neuentdeckung literarische Werke verschrieben hat. Auf den Verlag bin ich gestoßen, als ich mir den Roman „Der Berg Analog“ von René Daumal besorgte, über den ich in einem Artikel von Johanna Adorján in der Süddeutschen Zeitung gelesen hatte.

Zero sharp ist das Verlagsprojekt von Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt. Der unabhängige Verlag macht sich um die Wiederentdeckung und Verbreitung der historischen, vornehmlich französischen, Avantgarde bemüht. Bisher hat der Verlag Werke von Jean-Pierre Brisset, René Crevel, Michel Carrouges, Gaston de Pawlowski, René Daumal und Raymond Roussel herausgegeben, wobei das Werk von Raymond Roussel eine zentrale Rolle spielt. Mit diesen Autoren bildet der Verlag unterschiedliche künstlerische Strömungen ab wie Dadaismus, Surrealismus, Pataphysik und Oulipo, wobei es zwischen den Autoren auch zahlreiche literarische und biographische Überschneidungen gab. Gemeinsam war ihnen der Wille zum Bruch mit den literarischen Konventionen. Die Autoren/innen veranstalteten Sprachexperimente, in denen das Schreiben selbstgesetzten formellen Schreibregeln unterworfen wurden und sie probierten neue Formen wie zum Beispiel Montagen und Performances aus. Und so kamen dabei sehr unterschiedliche literarische Werke heraus, die ernst, satirisch, philosophisch, politisch, phantastisch, visionär und oft alles gleichzeitig sind, manchmal an Verrücktheit grenzend.

Einige Bücher der oben genannten Autoren wurden zwischen den sechziger und achtziger Jahren ins Deutsche übersetzt und von Verlagen gedruckt. Viele Titel wurden seitdem nicht mehr aufgelegt und sind nicht mehr erhältlich. Mit der Neuauflage und Erstübersetzung dieser Autoren/innen macht der Verlag zero sharp die Werke einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich. Hinzu kamen jüngst noch eine Veröffentlichung der Gedichte der US-amerikanische Dichterin Marcia Nardi, übersetzt von Stefan Ripplinger und eines Essaybandes über Einsamkeit, verfasst von Stefan Ripplinger.

In dem Verlag fungiert Maximilian Gilleßen nicht nur als Herausgeber, sondern auch als Übersetzer aus dem Französischen. Bei den Übersetzungen handelt es sich um ein schwieriges Unterfangen, da Wortspiele, Klangassoziationen usw. schwer bis unmöglich nachzubilden sind. Maximilian Gilleßen versieht die Texte auch mit kundigen Nachworten. Viele Bände enthalten zudem auch Quellenmaterial. Die Informationen über den Inhalt und die Entstehungsgeschichte waren bei der Lektüre des Werkes „Der Berg Analog“ für mich sehr hilfreich.

Als ich das Buch „Der Berg Analog“ von René Daumal in den Händen hatte, ist mir auch gleich die schöne Gestaltung des Buches aufgefallen. Von der Typographie, der Auswahl des Papiers, bis zum Cover ist alles sehr überlegt und ansprechend gemacht. Die Informationen werden im Buch abgedruckt. Für die Gestaltung ist im Verlag Anton Stuckardt zuständig.

Über die einstige Avantgarde ist die Zeit hinweggegangen. Darüber, was davon Bestand hat, muss man sich selbst ein Bild machen. Das kann man hervorragend mit den schönen und klugen Büchern von zero sharp machen.

Ein paar Fragen an Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt

Wieso habt ihr den Verlag zero sharp genannt?

Zero sharp ist der Name eines intrikaten Theorems aus dem Bereich der mathematischen Mengentheorie. Uns gefiel dieser Bezug zur Mathematik, der Klang, die Schreibweise (0#) und die Neutralität des Begriffs, der wenige Konnotationen mit sich bringt.

Woher kam die Beschäftigung mit der historischen Avantgarde? Und wie entstand daraus ein Verlagsprogramm?

Unser Verlagsprogramm wächst seit zehn Jahren – mal rascher, mal langsamer, stets abhängig von unseren Leidenschaften, unserer Zeit und den Finanzen des Verlages. Jedes neue Buch wird hauptsächlich von den Einnahmen seiner Vorgänger finanziert. Und wir selbst leben nicht vom Verlag, sondern für ihn. Deshalb ziehen wir es vor, wenige, aber gute Bücher zu machen. Bücher, die das Programm erweitern und seine innere Kohärenz betonen.

Alles begann mit einem Interesse an gewissen Referenzen der historischen Avantgarden wie Raymond Roussel oder Jean-Pierre Brisset. Beide Autoren sind denkbar unterschiedlich, beide wurden jedoch intensiv rezipiert: Marcel Duchamp zählte ihre Werke zu seiner „idealen Bibliothek“; André Breton widmete ihnen Kapitel in seiner Anthologie des schwarzen Humors; Michel Foucault entwickelte sein Ideen über das Sein der Sprache in der Beschäftigung mit ihnen. Beide sind also Randfiguren, aber bedeutende.

So mannigfaltig die Themen und Motive der von uns verlegten Titel sind – Reisen in die vierte Dimension, nicht-euklidische Bergbesteigungen, der Ursprung der Sprache in den Sümpfen der Vorzeit –, so konsequent ist das poetische Programm, das diesen Büchern zugrunde liegt: Die Worte beschreiben keine Ereignisse, sie bringen sie vielmehr hervor.

Wie wählt ihr Titel für das Verlagsprogramm aus?

Es gibt nur zwei Regeln: Das Werk muss uns beiden gefallen, und es muss sich in das Programm fügen.

Wieviel wartet noch an Unentdecktem, das noch nicht übersetzt oder nur in vergriffenen Ausgaben zu bekommen ist?

Das Geschriebene ist unerschöpflich.

Wie sind eure Vertriebswege?

Jedes unserer Bücher kann, solange es nicht vergriffen ist, bei jedem Buchladen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz bestellt werden. Darüber hinaus freuen wir uns über eine wachsende Zahl aufmerksam geführter Buchläden – in Berlin, Leipzig, Köln, Düsseldorf, München, aber auch in Wien und Zürich –, die unsere Titel in ihrem Programm führen und stets vorrätig haben.

Welche Autoren/innen lest ihr sonst gern, wenn ihr nicht für die Arbeit lest?

MG: Im letzten Monat habe ich die folgenden Titel gelesen: Marcel Broodthaers, Le Bestiaire n° III. Poèmes, 1960–1963 (L’Atelier contemporain, 2024), Shola von Reinhold, Lote (Merve, 2024), Stefan Ripplinger, Aber (Urs Engeler, 2024), Achim von Arnim, Isabella von Ägypten (1812; Hanser, 1963), Edgar Wind, Kunst und Anarchie (1963; Suhrkamp, 1979) sowie Otto Neurath, Modern Man in the Making (1939; Lars Müller, 2024). Gerade lese ich erneut Guillaume Apollinaires Gedichtband Alcools (1913), diesmal in einer ansprechenden Faksimilie-Edition (BnF Éditions / Gallimard, 2024), und die gesammelten Gedichte von Alice Rahon in einer zweisprachigen Ausgabe (Shapeshifter, New York Review Books, 2021).

AS: Gerade liegen an meinem Bett: William Carlos Williams, Selected Poems (New Directions, 1985), Rudolf Borchardt, Der leidenschaftliche Gärtner (1951; Matthes & Seitz, 2020), Francis Ponge, Das Notizbuch vom Kiefernwald (1952; Suhrkamp, 1982), Roger Caillois, Dissymmetrie (1973; Brinkmann & Bose, 2015), die Gedichte von William Blake sowie unsere Ausgabe der Gedichte von Marcia Nardi.

Disclaimer

Dieser Beitrag ist keine kommerzielle Werbung. Für das Verfassen des Beitrags habe ich kein Honorar oder sonstige Vorteile erhalten.

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