Heutzutage denken wir ständig. Zum einen wird das Denken durch die ständig verfügbaren Informationen angeregt. Zum anderen haben wir auch mehr gelernt, über uns und unser Leben nachzudenken. Wir wollen ja nicht unreflektiert sterben. Intensives Denken kann aber Schattenseiten haben. Wenn das Denken keine Lösung bietet führt es zu Trauer, Stress und Selbstüberforderung. Das Denken wird zum Grübeln. Sich beim Denken zuzusehen und daran manchmal zu verzweifeln, darum geht es in dem Buch „Ich denk, ich denke zu viel“ der Journalistin und Kolumnistin Nina Kunz. Der Band versammelt Texte aus dem Magazin des Tagesanzeigers und bei Kein & Aber erschienen sind.

Unterteilt sind die 30 Texte in 3 Themenbereiche: Sinnkrisen, Selbstzweifel und Sehnsüchte. In den Texten erfährt man zum Beispiel warum Zürich so schwer auszuhalten ist; warum die Angst vor dem Tod eine Chance ist, mehr über das Leben zu erfahren; der Weltschmerz über den Zustand der Welt nicht in Verzweiflung, sondern zu trotziger Standhaftigkeit führt; wie ein Bedürfnis nach Wildheit zu einem Tattoo und zugleich zu Selbstzweifeln und Abwehr führt und, warum man das Internet hassen kann.
Auch wenn man es bei den Inhalten vermuten könnte, sind es aber keinesfalls Texte, in der es der Kolumnistin nur um sich selbst geht, auch wenn die Erkundungen bei ihr beginnen. So landet Nina Kunz bei ihren Betrachtungen bei generellen Themen, wie dem Leben der Studierenden, Feminismus und der Ausrichtung auf die Arbeit. Die Texte vereinen ein behutsames Denken mit Sensibilität, neben dem Gefühle gleichberechtigt zugelassen sind. Zudem hat der Text charmante Gedankenwendungen und Humor, was die Texte gut ausbalanciert und sehr lesbar macht. Nina Kunz spickt ihre Texte auch mit Zitaten und Verweisen
In den Texten von Nina Kunz kann ich mich gut wiederfinden, und ihre Gedanken gehen mir noch oft nach. Am besten haben mir die Texte über die Suche nach ihrem Vater gefallen („Wer ist mein Vater“), in der sie die Ambivalenz schildert, etwas über den Vater, den sie nie kennengelernt hatte, zu erfahren. Und der Text über Zürich („Und ich liebe sie doch“), die Stadt in der es auf Grund der Abwesenheit von Schmutz, Unordnung und Wahnsinn immer schwierig ist, das Normale zu verorten. Auch die Texte über die Notwendigkeit des Lesens („Chhhht“) und den Herbst („Herbst“) mochte ich sehr. Und man sieht, wie schnell einem in diesem Band viele Texte ans Herz wachsen.
Nina Kunz findet jedem Text einen Ausgleich zum ergebnislose Denken, was sehr tröstlich ist, denn wir wollen ja auf das Denken per se nicht verzichten. Das Denken findet eine Entspannung durch das Wahrnehmen und Fühlen und erreicht damit seine Balance. Dann hey, wir wollen ja selbstreflektiert UND entspannt sterben.
Nina Kunz: Ich denk, ich denke zu viel. Kein & Aber, 192 Seiten
