
„So viel Kraft,
so viel Anstrengung,
so viele Versuche reinzukommen,
dabei zu sein,
gesehen zu werden,
gehört zu werden“
Wenn ich Michel Friedman in Talkshows und Interviews gesehen habe, habe ich ihm immer gern zugehört. Jetzt habe ich mir, mit grosser Neugierde, das Buch „Fremd“ von Michel Friedman vorgenommen, erschienen im Berliner Verbrecher Verlag. Das Buch Friedmans ist, wenn man die Fakten kennt, klar autobiographisch. Aber es trägt keine Genrebezeichnung, und so ist, was dort berichtet wird, auch exemplarisch.
Friedmans Leben ist von Beginn an gekennzeichnet von einem unbedingten Gefühl nicht Ganz zu sein. Wie er es selbst beschreibt, ist da eine Distanz zu anderen Menschen, aber er möchte unbedingt dazu gehören. Daher passt der Titel „Fremd“ zu dem vorherrschenden Gefühl des Erzählers. Fremd ist er aber faktisch auch seiner Herkunft nach. Aufgewachsen in einer Familie von Überlebende des Holocaust, die auch eine Familie ist, in der viele Verwandte den Holocaust nicht überlebt haben. Das Leben als zuerst Staatenloser, später als deutscher Jude im Nachkriegsdeutschland, in einer Gesellschaft die den Holocaust gern vergessen machen würde. Es schildert Erlebnisse, die ihm aufzeigen, dass er eben nicht dazugehört, oder dass er sich das dazugehören verdienen muss. Und so sucht er Linderung, und auch das beschreibt er in dem Buch, indem er Wissen erwirbt, etwas aus sich machen möchte und hart arbeitet. Und wenn man die Lebensleistung von Michel Friedman kennt, als Anwalt, als Publizist, Politiker, Moderator Philosoph und Professor neben vielen weiteren Funktionen und Engagements, dann erahnt man, wieviel Kraft und Anstrengung er investiert hat, um „dabei zu sein, gesehen zu werden, gehört zu werden“. Aber man erahnt auch den Genuss, die Neugierde an anderen Menschen und an neuen Aufgaben, an denen er wachsen kann, immer sich selbst in einer neuen Rolle auszuprobieren.

Als weitere Schicksalsschläge dazukommen (seine Mutter und dann sein Vater sterben kurz hintereinander) und auch das erzählt Friedman offen, bricht mit der Trauer auch sein bisheriges Lebenskonstrukt zusammen. Er beginnt schreibend aufzuräumen, beginnend mit der Kindheit, seine Ängste, das durch Rücksicht auf seine Eltern nicht Ausgelebte und die Geschichte, seiner durch den Holocaust überlebten schwer traumatisierten Familie aufzuarbeiten.
Das Buch hat eine eigene Form: knappe Erzählungen und Episoden, wechseln sich mit Aufzählungen, lyrischen Teilen und Sentenzen ständig ab. Er spricht von sich als das Kind in der dritten Person und benutz Mama und Papa als intime aber auch kindgerechte Anrede seiner Eltern. In dem Buch zeigt sich Michel Friedman verletzlich und sprachbegabt. Und findet im Schreiben so etwas wie Akzeptant seiner Lebensgeschichte. Dabei bleibt er, von der Geschichte geprägt, ein hochsensibler und wacher Kämpfer gegen Antisemitismus und Rassismus. Das macht das Buch zu einer sehr wertvollen Lektüre.
Michel Friedman: Fremd, Berlin Verlag, 168 Seiten
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