„es ist die Stimme, rief sie, die Stimme, die irgendwo klemmt“
Maylis de Kerangal zählt zu den bemerkenswertesten und wichtigen Stimmen der zeitgenössischen französischen Literatur. In ihrem Erzählband „Kanus“, der, in der Übersetzung von Andrea Spingler 2023 im Suhrkamp Verlag erschienen ist und den ich jetzt gelesen habe, geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und die Rolle der Stimme. Es versammelt sehr unterschiedliche Geschichten, von der Freundin zum Beispiel, die irritiert, weil sie ihre Stimme trainiert hat, um nicht so weiblich zu sein („Ich hörte Zoe zu. Ich wollte nicht, dass ihre Stimme die eines Mannes mit weißen Beinen voller Insektenstiche nachäfft“). Eine Geschichte über einen Umzug nach Colorado und den damit verbundenen Schwierigkeiten beim Einleben und in der Partnerschaft. Die Geschichte, wie zwei Schwestern mit der Erzählerin eine Rezitation des Gedichts „Der Rabe“ von Edgar Allan Poe aufnehmen und sich dabei die zunehmende Einsamkeit und Verzweiflung des Gedichts sich auch in der Aufnahmesituation wiederfindet. Und die Geschichte von einer gelöschten Nachricht auf einem Anrufbeantworter, was liebevolle Erinnerungen auslöst und zuletzt auch befreiend ist.
Es ist schnell klar, dass es sich bei dem Titel des Buches und der Geschichten um kein nature writing handelt. Sondern es geht um die Beziehungen zwischen den Personen, ihre komplexen Gefühle und mal mehr oder weniger direkt um ihre Sprache. Dabei gestaltet Maylis de Kerangal ihre Figuren spärlich, während sie ihre Umgebungen plastisch schildert, sie sinnlich erfahrbar macht (z.B. die Geräusche einer Wiese im Hochsommer). Ich erlebe die Szenen als ein Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin. Es sind Details, denen sie Aufmerksamkeit schenkt und die die Handlung vorantreiben. Es gelingt ihr sehr kunstvoll Szenen zu schildern, sie kann sehr schnelle Ereignisse in Zeitlupe abspulen.

Meine Lieblingsgeschichte in dem Buch ist „Mustang“. Es ist die längste Geschichte in dem Band. Sie zeigt darin auf, wie es ist, seinen Lebensmittelpunkt von Paris nach Colorado zu verlegen. Auch ich bin auf in andere Länder umgezogen und weiß auch, wie es sich anfühlt, neu in einem Land zu sein und zu lernen sich anzupassen, und auch wie es ist, wenn man eine Partnerin in ein Land nachholt, das einem bereits vertraut ist, für die Partnerin aber alles neu ist. Und so sind es am Anfang immer die Unstimmigkeiten und Seltsamkeiten, die der Erzählerin auffallen. Sie sieht zum Beispiel die Häuser, Strassenbezeichnungen („seltsame Gemengelage, wo nach Indianerstämmen benannte Straßen ironiefrei neben solchen lagen, die nach Präsidenten, die ihre Ausrottung betrieben hatten, benannt waren“) oder die Schule. Sie erzählt auch von den Schwierigkeiten des Sprachelernens. Der lokale Akzent ist schwer zu verstehen, es führt zu Missverständnissen und Isolation. Die Stimme ihres Freundes, des sie nur Französisch sprechend kennt, wirkt fremd, wenn er amerikanisches Englisch spricht („Er hat sein Französisch aus dem Inneren verdrängt, und selbst, wenn wir allein sind, selbst wenn er mir Zärtlichkeiten zuflüstert, erkenne ich Ablagerungen, Spuren dieser anderen Stimmen in der seinen, gleichsam ein anhaltendes Echo“). Zu der sprachlichen kommt noch die soziale Isolation nach dem Umzug, sie fühlt sich fremd. Sie begegnet dem mit Anpassung, sie geht Schwimmen und macht darauf ausgedehnte Spritztouren mit dem Mustang, den sie sich angeschafft haben, bis die Aussicht wieder nach Paris zurückzugehen und ein Ereignis die Geschichte beenden. In der Geschichte kann man die literarische Qualität de Kerangals erkennen, wie sie im das Innenleben der Figur eintaucht, ihre Gedanken und Gefühle beschreibt. Sie schreibt auch mit Humor, die Figur der Fahrlehrerin zum Beispiel, die sich von der Erzählerin zu ihren Nebenjobs fahren lässt, die sie braucht, um über die Runden zu kommen.
In den Erzählungen schaut sich ja Maylis de Kerangal die Rolle der Sprache in Beziehungen an. Wie sie zentral für Kommunikation ist, aber auch für Vertrauen und emotionale Nähe. Aber auch die Bedeutung von Schweigen, oder von Dysphonie, die erst in der Aufnahme hörbar wird.
Zusammengefasst hat mich der Erzählband sehr begeistert. Maylis de Kerangal lädt uns mit ihrer poetischen Sprache und ihren Themen ein, die menschliche Erfahrung in all ihren Facetten zu erkunden – ein literarisches Erlebnis, das noch lange nach dem Lesen nachklingt.
Maylis de Kerangal: Kanus. Aus dem Französischen von Andrea Spingler, Suhrkamp. 164 Seiten
