Bei der Lektüre von Primi Levi möchte ich noch mehr begreifen, wie es zum Holocaust kommen konnte. Von den Überlebenden gibt es Bücher, aber von den Tätern? In letzter Zeit gab es eine Reihe von Artikeln, in dem sich Leute mit den Verstrickungen ihrer Urgroß- oder Großeltern in der NS Zeit auseinandersetzen. Oft geht es bei den Recherchen auch darum, wie die Familie mit dem Wissen um die Täter umgegangen ist, und für die Erzählenden auch darum, die eigene Biographie anzunehmen.
Das Buch „Der Tote im Bunker“, des von dem im Januar 2025 verstorbenen österreichischen Journalisten, Autor und Übersetzter Martin Pollack hat diese Auseinandersetzung schon viel früher gemacht. In dem Buch setzt sich setzt sich mit der Geschichte seines Vaters, Dr. Gerhard Bast, SS-Sturmbahnführer, und Leiter der Linzer Gestapo auseinander.

Im April 1947, als Pollack 3 Jahre alt war, wird die Leiche seines Vaters, ausgestattet mit gefälschten Papieren, am Eingang eines Bunkers an der österreichisch-italienischen Grenze gefunden. Fast 50 Jahre später (er hatte die Nachforschungen hinausgezögert aus Angst „bei der Spurensuche auf Dinge stoßen, die meine ohnehin schlimmen Erwartungen noch übertreffen würden“) beginnt Pollack, der seinen Vater nie wirklich kennengelernt hatte, zu rekonstruieren. Mit den Großeltern, der Mutter und auch dem Stiefvater hat er nie über die Rolle des Vaters in der Zeit des Nationalsozialismus gesprochen. Jetzt sichtet und ordnet Pollack Fotos, Briefe und Dokumente seiner Familie und besorgt sich Auszüge aus Archiven. Er versucht dabei die Biografien von Leuten aus dem Leben seines Vaters zu verfolgen. Er bereist die Orte, an denen sein Vater war, und versucht Zeugen zu finden. Oft kommt er aber an Grenzen dessen, was er nach der vergangenen Zeit noch in Erfahrung bringen kann, und manchmal bleibt ihm nur übrig, über ein Detail zu spekulieren.
In dem Buch von Martin Pollack erfahre ich viel über Europäische Geschichte, das Verschieben von Grenzen, Nationalismus, Kriege und Vertreibungen. Im Mittelunkt der Geschichte die Familie Bast, die in einer deutschsprachigen Enklave im heutigen Slowenien lebte, bevor sie nach Österreich zogen. Der Vater Gerhard Bast studierte Jura in Graz und promovierte. Er wurde deutschnational erzogen und schloss sich als Student der Burschenschaft Germania Graz an. Gerhardt Bast trat 1931 in die NSDAP ein. Er bekam die Mitgliedsnummer 612.972, wurde Parteimitglied, als die Mitgliedschaft noch illegal war. Er verlor dadurch sogar seine Anstellung.
Gerhard Bast trat 1932 in die SS und war später beim Sicherheitsdienst und Gestapo. Damit war der Vater Teil des Terrorregimes und machte dort Karriere. Der Vater führte Verhaftungen, Verhöre, und Arisierung (Enteignungen) durch. Auch organisierten und überwachten sie Transporte der Juden in den Osten. Als Teil der Einsatzgruppen in Russland, in Polen, in der Slowakei führte er Hinrichtungen von vermeintlichen Widerstandskämpfern durch.
Mit dem Krieg war die Karriere des Gerhard Bast zu Ende. Er wurde ein gesuchter Kriegsverbrecher. Er gab sich als Knecht und Holzfäller aus und war mit falschen Papieren unterwegs. Als er sich von einem Führer von Südtirol über die Grenze nach Österreich bringen lassen wollte, wurde er ermordet. Der Täter wurde später gefasst.
Das Buch kann dabei nur eine Annäherung bleiben. Von dem Vater gibt es keine eigenen Aussagen, warum er den Weg gewählt hat. Durch das Buch versteht man, wie der Vater geprägt wurde, im deutschnationalen Milieu aufwuchs, mit dem Großvater, der auch NSDAP Mitglied war und den Burschenschaften. Auch der weitverbreitete Antisemitismus in Österreich. Die Großmutter war auch nach dem Krieg uneinsichtig, national und überzeugt antisemitisch. Stolz zeigte sie bei Besuchen den „Sohn von Gerhard“ her. Und man spürt, wie unangenehm und unverständlich ihm die Haltung der Großmutter ist. Und trotzdem bleibt es schwierig zu verstehen, warum jemand es dann wählt, Täter zu sein.
Was auch von dem Buch in Erinnerung bleibt, ist, wie in der Nachkriegszeit über die Taten und die Täter geschwiegen wurde. Bei Familienangehörigen kann man es verstehen, dass aus Loyalität, Scham oder Angst vor rechtlichen Konsequenzen über Verbrechen geschwiegen wurde. Aber es wurde auch sonst lange nicht aufgearbeitet, weil es keine Reue gab und man sich längst wieder auf die Zukunft ausgerichtet hatte.
Vielleicht war es das Wissen um den gewalttätigen Tod des Vaters und das Schweigen der Familie, der in Martin Pollack den Wunsch geweckt hat, mehr Wissen und damit Klarheit in der Familiengeschichte zu haben, auch um damit seinen Frieden machen zu können. Auch wenn es lange gedauert hat, bis er seinem Wunsch nachgegeben hat. Was das Buch von den aktuellen Rechercheartikeln unterscheidet, ist, dass es den Vater und die Familie in den Vordergrund stellt und es nicht so sehr um ihn geht, auch wenn Martin Pollack darauf eingeht, wie es ihm bei den Recherchen gegangen ist. Und so waren es die Nachkommen der Täter, die sich mit dem Geschehenen befasst und das Wissen über die Täter zusammengetragen haben.
Martin Pollack: Der Vater im Bunker, dtv, 255 Seiten
