Marion Tauschwitz: Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte.

„Ich möchte leben/schau das Leben ist so bunt“

Beim Lesen bin ich immer wieder auf die Lyrikerin Selma Merbaum gestoßen, die ein nur schmales Werk hinterlassen hat, bevor sie als Jüdin in einem Zwangsarbeiterlager starb. Um ihr Werk kennenzulernen habe ich mir den Band „Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben“ von Marion Tauschwitz ausgesucht. Das Buch versammelt die Biographie der Dichterin sowie ihre sämtlichen Gedichte, die Marion Tauschwitz nach den Originalhandschriften neu übertragen hat. Der Titel des Buches „Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben …“ ist ein Satz, den Selma Merbaum ihrer Gedichtsammlung hinzugefügt hat.

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte.

Für die Biographie hat Mario Tauschwitz in jahrelanger Forschung aus Archiven Material zusammengetragen und Zeitzeugen befragt. So ergibt sich ein fundiertes und anschauliches Bild des kurzen Lebens von Selma Merbaum, als Kontext zu ihrem Werk. Tauschwitz beschreibt ihr Aufwachsen in Czernowitz, in der heutigen Ukraine. Die Stadt und die Region Bukowina hatten eine wechselvolle Geschichte. Sie war im 20. Jahrhundert zuerst habsburgisch und wurden im ersten Weltkrieg zweimal von der russischen Armee besetzt. Nach dem Krieg gelangte die Region unter rumänische Herrschaft. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde die Region sowjetisch und später von rumänische Truppen, die an der Seite der Deutschen gegen die Sowjetunion kämpften, erobert.

Marion Tauschwitz berichtet, wie die Geschichte einerseits zu einer multikulturellen Bevölkerung in der Bukowina führte, in der Handel und Kunst, besonders in Czernowitz, blühten. Für den jüdischen Teil der Bevölkerung bedeutet das auch Repressionen, und später Vertreibung, Plünderungen und Mord.

Selma Merbaum wird als aufgewecktes, lebensfrohes junge Frau beschrieben, mit großem intellektuellen Hunger, die sich an oft wechselnden Lebensumständen anpassen musste. Sie war Schikanen in der Schule ausgesetzt war, die Versorgungslage der Familie war schwierig, und es gab dauernde Ungewissheit über den Verbleib der Familie und Freunde. Merbaum wurde zusammen mit ihrer Familie ins Zwangsarbeitslager Michailowka deportiert. Dort starb sie an Typhus. Sie wurde nur 18 Jahren alt.

Selma Merbaum schrieb seit ihrer Kindheit Gedichte auf Deutsch. Ihre Gedichte begleiten sie in ihrer persönlichen und künstlerisch-intellektuellen Entwicklung und reflektieren die Umstände, unter denen sie lebte. Zu ihren Lebzeiten zeigte sie ihre Gedichte nur ihren Freunden, trug sie manchmal vor und gab schriftliche Kopien an sie weiter. Auf diese Weise hat das Werk „Blütenlese“ überlebt, 57 handschriftlich niedergeschriebene Gedichte, die sie als Lyrikerin posthum bekannt gemacht hat.

Es sind zarte, empfindsame Gedichte, die von großer Sprachbeherrschung und Stilsicherheit zeugen. Merbaum verwendet oft Bilder aus der Natur, um Stimmungen zu transportieren. Diese Bilder wirken nie kitschig, sondern sind feinfühlig und empfindsam. In ihren Gedichten geht es auch oft um Liebe und Verlangen. Sie drückt ihren Wusch nach Nähe und Geborgenheit aus und zeigt ihre Trauer über den Verlust von Liebe. Ihre Lebensumstände scheinen in den Gedichten durch, wenn sie eine stille Vorahnung des Todes und der Endlichkeit beschreibt. Trotzdem sind ihre Gedichte von einer sanften Hoffnung, die an Schönheit trotz der Dunkelheit festhält, was sehr berührend ist.

Mich haben die Gedichte in ihren Motiven oft an Mascha Kaleko erinnert, obwohl sich beide stilistisch stark unterscheiden. Aber da ist die seltene Mischung aus Lebenshunger, Verletzlichkeit und poetischer Klarheit, die sie gemeinsam haben und die ich an ihren Gedichten so mag.

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte. zuKlampen, 358 Seiten

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