Marion Messina: Fehlstart

“Theoretisch war sie auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen Form und hatte sich doch nie so schlaff und nutzlos gefühlt“

Der Roman „Fehlstart“ von Marion Messina wurde aus dem Französischen von Claudia Steinitz übersetzt und ist im Hanser Verlag erscheinen. Der Inhalt des Buches ist schnell erzählt. Es schildert die Beziehung zwischen der Französin Aurélie und dem Kolumbianer Alejandro, die sich als Studenten in Grenoble kennenlernen. Es ist keine ernsthafte Beziehung, aber beide hängen mehr aneinander, als sie es eingestehen mögen. Für Aurélie ist es die erste, sexuell befriedigende Beziehung. Alejandro hatte vorher Bekanntschaften, will seine Freiheit nicht aufgeben, verbringt aber seine Zeit ausschließlich mit Aurélie. Alejandro löst die Beziehung auf, als er in eine andere Stadt zieht. Aurélie durchlebt Liebeskummer und geht nach Paris. Sie findet Arbeit als Rezeptionistin und versucht vergeblich, eine Wohnung zu finden. Sie fühlt sich verloren, und desillusioniert. Sie lernt mit Frank einen älteren Mann, der nicht allein leben kann, kennen und sie ziehen zusammen. Sie trifft Alejandro, der inzwischen als Spanischlehrer in Paris unterrichtet, wieder und sie werden ein Paar. Ihre Beziehung hat sich aber verändert und nicht mehr die Glut und Unschuld des Anfanges. Auch haben sie sich verändert. Und ohne zu viel zu verraten, hält die Beziehung auch das zweite Mal nicht.

„Aurélie war sehr jung, sie hatte noch viele Jahre vor sich, und diese Aussicht begeisterte sie nicht.“

Ich muss gestehen, am Anfang habe ich mir sehr an der Sprache, die Marion Messina in dem Roman benutz gerieben. Es ist eine zugespitzte, gewollt schonungslose Sprache, die keine Mehrdeutigkeiten zulässt, so zum Beispiel die Beschreibung Michael Jacksons als „Mann mit Kastratenstimme und künstlichem Gesicht“. Je mehr die Handlung voranschreitet und Aurélie darin erlebt, desto mehr schien mir die Sprache angebracht und nahm mich der Roman gefangen. Hinter dem Ton stecken eine Menge großer Enttäuschungen und auch der Zorn darüber, was das Leben Aurélie anzubieten hat. Sie beginnt in Paris als Empfangsdame. Wie auch die anderen Figuren in dem Buch arbeitet sie in einem Job ohne Sinn und Perspektive, unter schwierigen Arbeitsbedingungen, und in dem nicht genug bezahlt wird, um damit in einer Stadt wie Paris damit zurechtzukommen. Die Liebe ist für sie auch enttäuschend und sie lernt nur asymmetrische Beziehungen kennen. Die Beziehung zu Alejandro von dem mangelnden Willen Alejandros geprägt, sich zu binden. Und mit Frank lernt sie einen Mann kennen, der zu stark und aus den falschen Gründen an ihr festhält. Es ist auch ein Buch über Einsamkeit, in dem Menschen in einer Stadt versuchen, sich an Freundschaft und Liebesbeziehungen etwas zu wärmen.

„Wir können doch nicht hier sitzen bleiben und uns abrackern, um einen blassen Abklatsch des zweitklassigen Lebens unserer Alten zu bekommen.“

Es ist auch die Geschichte eines versuchten sozialen Aufstiegs. Aurélie ist dem Milieu ihrer Eltern überdrüssig und sie möchte das mit dem Umzug nach Paris hinter sich lassen. Es wird nicht analysiert, warum sie den Aufstieg nicht bewältigt, aber ihre soziale Situation verbessert sich in der Geschichte nicht. In dem Buch geht es aber auch um die Zufälligkeiten im Leben. Der Zufall spielt ja öfter eine größere Rolle in unserem Leben, als wir zugeben wollen. In welche Verhältnisse werden wir geboren, wen lernen wir kennen, und wohin gehen wir.

Der Roman hat noch weitere sprachliche Besonderheiten. Die Konstruktion ist ungewöhnlich, da Aurélie die Hauptfigur ist, aber Alejandro zuerst eingeführt wird und die Beziehung um ihn herum geschrieben wird, bevor der Fokus des Romans auf Aurélie übergeht. Es wird in der Ich-Perspektive erzählt. Oft wird nur indirekt wiedergegeben, was andere sagen (z.B. „Du hast gesagt…“). Es wird alles verdichtet dargestellt, ohne es im Detail auszuarbeiten. Figuren werden durch Popkulturelle Referenzen gezeichnet. Alles sehr spärlich und dann oft auch nicht konsistent. Zusammen mit den gewollt drastischen Formulierungen gibt es einen interessanten Ton, der aber nicht düster und resigniert ist. Mich verfolgt der Ton, der von den nicht eingelösten Verheißungen im Leben der Aurélie erzählt, noch lange nach.

Marion Messina: Fehlstart. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hanser, 166 Seiten

Photo by Austris Augusts on Unsplash

Als Musik zu dem Buch Nils Frahm „Spells (live in Paris)“: https://open.spotify.com/album/24gb3Okb5PrHzewgwjiv14?si=b3b0a741cee44179

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