
Magda Szabó ist eine bekannte ungarische Schriftstellerin. Sie wurde am 5. Oktober 1917 in der ost-ungarischen Stadt Debrecen geboren. Sie entstammte einer calvinistischen Lehrer- und Beamtenfamilie, zu ihren Vorfahren gehörten auch Gelehrte, Wissenschaftler und Dichter. Zuerst veröffentlichte sie als Dichterin, war aber von 1949 bis 1959 von einem Publikationsverbot belegt und arbeitet als Lehrerin. In der Zeit schrieb Magda Szabó nur für die Schublade. Später wurde sie bekannt und ihr Werk in mehrere Sprachen übersetzt. Auf Deutsch sind zurzeit nur die beiden Bände „Hinter der Tür“ und „Die Elemente“ erhältlich. Beide Romane habe ich mir jetzt vorgenommen.
Der Roman „Hinter der Tür“ ist von Hans-Henning Paetzke und im Suhrkamp Verlag erschienen. Das Buch hat es zu einer gewissen Bekanntheit gebracht und wurde 2011 verfilmt. Es schildert die Beziehung zwischen einer Schriftstellerin und ihrer Haushälterin Emerenc, geschildert aus der Perspektive der Schriftstellerin. Was als eine Hilfe der Schriftstellerin gedacht ist, die mit dem Haushalt überfordert ist, entwickelt sich zu einer 20 Jahre dauernden Beziehung zwischen den beiden Frauen. Zu Beginn des Romans erfahren wir, dass Emerenc sterben wird. Die Schriftstellerin macht sich für den Tod Emerenc verantwortlich. Mit dem Buch möchte die Schriftstellerin ein Geständnis, sie nennt es Konfession, ablegen. Zu Beginn erfährt man, wie das Dienstverhältnis begann und es ist bezeichnend für den Charakter Emerencs, dass sie diejenige ist, die bestimmt, bei wem sie eine Anstellung annimmt. Im Laufe des Buches wird in kurzen Episoden geschildert, wie sich das Verhältnis der beiden entwickelt, vertieft und verkompliziert. Zum Schluss erkrankt Emerenc und stirbt.
„Emerenc war rein und unanfechtbar, sie war wie wir, wir alle, unser bestes Selbst, das, was wir immer hätten sein wollen.“
Das Besondere an dem Buch ist nicht die Darstellung einer Angestellten, oder eines Bedienstetenverhältnisses, obwohl es in der Literatur nicht oft vorkommt, ein anderes lesenswertes Buch wäre noch Hélène Bessettes „Ida oder das Delirium“. Sondern das Besondere ist die Beziehung zwischen der Haushälterin und der Schriftstellerin. Emerenc hat einen eigenwilligen, vielschichtigen und oft ambivalenten Charakter, der sich nach und nach in den Episoden zeigt. Die Erzählerin ist oft verärgert und überfordert von dem Verhalten Emerencs. Sie ist unvorhersehbar in ihren Arbeitszeiten, dafür erledigt sie die Arbeit immer tadellos und arbeitet pausenlos. Emerenc ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird, nimmt aber keine Hilfe und Geschenke an. Sie ist klug und bekommt alles in ihrer Umgebung mit, hält aber Bildung für überflüssig. Kunst scheint ihr überbewertet, sie verfolgt und respektiert aber die Karriere der Schriftstellerin. Emerenc ist charmant, liebenswert, tierlieb und grosszügig, aber auch geizig, abweisend und unverschämt und bringt die Schriftstellerin an ihre nervlichen Grenzen. Brillant gezeichnet von Magda Szabó ist, wie sich das Paar einen Hund anschafft, der sich sofort und ausschließlich an Emerenc orientiert. Oder auch der respektvolle und distanzierte Frieden, den Emerencs mit dem Mann der Schriftstellerin, den Emerenc „die Herrschaft“ nennt, pflegt.

Stückweise enthüllt Magda Szabó punktuell Dinge aus Emerencs Vergangenheit. Es ist eine Vergangenheit voll an Erlebnissen und Schicksalsschlägen. Manches Erlebte erklärt ihr Verhalten z.B. warum sie nicht in einem Bett schläft oder warum sie sich vor engeren Beziehungen verschließt. Oft blieb es für mich aber im Unklaren, ob es sich wirklich so ereignet hat. Klar zeichnet sich ab, dass Emerenc sich immer für Schwache, Kranke und Verfolgte eingesetzt hat.
Die Schriftstellerin lernt sich durch ihre Beziehung zu Emerenc besser kennen. Sie sorgt sich um Emerenc und kann sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Durch die Nähe erlebt sie aber auch Verletzungen und gerät in bizarre Situationen. Es gibt kaum Dialoge, es wird vielmehr durch die Schriftstellerin in inneren Monologen geschildert, was gerade passiert oder was sich kurz zuvor ereignet hat. Dabei wird aber nicht alles nicht psychologisch zu tief ausgeleuchtet, was geschickt gemacht ist. Es ist auch keine Geschichte über Klassenunterschiede oder Sozialstudie. Der soziale Abstand zwischen den beiden Frauen scheint nicht sehr groß. Sie wohnen ein paar Straßen voneinander entfernt und haben das gleiche soziale Umfeld. Emerenc ist auch dort, wo sie wohnt, eine zentrale Figur, da sie viele Aufgaben erledigt wie z.B. auf Grundstücken Schnee wegräumt, aber sich auch um Kranke kümmert.
Magda Szabó treibt geschickt die Handlung voran und verbindet die Geschichte der Erzählerin, die es zu Erfolg und grossen Ehren bringt und Emerenc, die plötzlich erkrankt. Es zählt zu den Tabus, dass Emerenc niemand hinter die Tür des Eingangsbereiches ihrer Wohnung lässt. Ich habe lange gerätselt, was sich hinter der Tür verbergen macht, als das Geheimnis dann gelüftet wird, ist es gar nicht dramatisch. Die Schriftstellerin ist dann diejenige, die sich über das Verbot hinwegsetzten muss und damit die Auflösung ihrer Verbindung in Gang setzt.
Ausserdem habe ich von Magda Szabó „Die Elemente“ gelesen. Der Roman wurde von Heinrich Eisterer aus dem Ungarischen übersetzt und ist im Secession Verlag erschienen. Wie auch „Hinter der Tür“ handelt dieses Buch auch von einer Beziehung. Nach dem Tod ihres Vaters Vince nimmt die Tochter Iza ihre Mutter Etelka mit zu sich nach Budapest. Das Zusammenleben verläuft, obwohl sich beide redlich darum bemühen, weniger harmonisch, als erwartet. Iza, die eine unabhängige und aufgestellte Persönlichkeit ist und von allen bewundert wird, arbeitet als Ärztin und hat wenig Zeit für die Mutter. Sie braucht die Mutter nicht und kümmert sich aber im Gegenzug um alle ihre Belange. Sie nimmt ihr buchstäblich alles ab. Etelka kommt in der Stadt nicht zurecht und ist unbeschäftigt und einsam. Ihr bleibt nichts zu tun, als spazieren zu gehen oder Tram zu fahren. In den Augen ihrer Tochter macht Etelka vieles falsch, und wird von ihrer Tochter dafür getadelt. Während Iza sich aus der Beziehung nach und nach befreit und eine Liebesbeziehung mit Domokos eingeht, zieht Etelka sich immer mehr zurück und verfällt auch körperlich. In zweiter Linie geht es in dem Buch auch um die Beziehungen zwischen Etelka und Vince, zwischen Iza und ihrem Exmann Antal, der sich von Iza getrennt hat, wobei nicht vollständig aufgeklärt wird warum, und um Iza und ihren jetzigen Partner Domokos. In einer Rückblende wird noch das Aufwachsen Antals als Waise geschildert. Zum Ende des Buches, als Etelka bei einer Reise in ihr Heimatdorf verunglückt, laufen die Fäden aller Beziehungen zusammen.
Ich habe wieder etwas falsch gemacht“, dachte Etelka beschämt, „immerzu mache ich irgendetwas falsch“

Ich mochte dieses Buch von Magda Szabó vor allem wieder wegen seiner Figuren. Das Denken und Handeln der Mutter Etelka fand ich plausibel und konnte mich in die anderen Figuren hineinversetzen. Die Autorin zeigt die oft in einer Situation existierenden widersprüchlichen, sich auch schnell ändernden Gefühle, mit denen die Figuren konfrontiert sind. Es geht auch um Kommunikation. Was wird gesagt und wie wird es vom Anderen aufgenommen. Handlungen, die gut gemeint sind, kommen ganz anders an z.B. wenn Iza den abgetragenen, aber geliebten Mantel von Etelka ersetzt oder Iza der Mutter eine größere Menge Geld für die Reise zusteckt, was Etelka gleichzeitig beschämt, für unnütz hält, und sie in Angst versetzt, bestohlen zu werden. Magda Szabó erreicht das Verständnis für ihre Figuren durch den Wechsel der Erzählperspektiven. Sie schlüpft in den Kopf der Mutter und der Tochter, beleuchtet es von außen noch durch die Gedanken der Haushälterin, und des Ex-Mannes. In bestimmten Moment erzählt sie dann wieder auktorial, bleibt über der Szene und treibt die Handlung voran. Oft ist es der letzte Satz in einem Abschnitt, der dem vorher Geschriebenen eine Färbung oder eine Wendung gibt, oder manchmal der erste Satz, der einen Textabschnitt eröffnet. Spannend bleibt das Buch, weil Magda Szabó sich, wie auch in „Hinter der Tür“ nicht in Szenen verliert, sondern die Handlung steigert, was sie zu einer gekonnten Erzählerin macht.
Was sich bei mir nicht bei Lesen erschlossen hat, warum das Buch in 4 Teile, die jeweils den Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft zugeordnet sind, eingeteilt ist. Wer mag, kann das Buch auch als Lebensratgeber lesen, über Kommunikation in Beziehungen, über das Gebrauchtwerden im Alter etc. Man kann es aber auch nur so mit großen Genuss lesen.
Im Fazit haben mir die beiden Bücher „Hinter der Tür“ und „Die Elemente“ sehr gut gefallen. Magda Szabó ist eine grossartige Erzählerin, und es ist schade, dass derzeit nur zwei Bände erhältlich sind.
Magda Szabo: Hinter der Tür, Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke, Suhrkamp, 311 Seiten
Magda Szabo: Die Elemente, Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer, Secession Verlag, 293 Seiten
