Blanka neigte sich über die Brüstung und schrie über das Meer: „Katalin utca! Katalin utca!“
Nachdem mich die beiden Romane „Hinter der Tür“ und „Ida und das Delirium“ von Magda Szabó so begeistert hatten, wollte ich mehr von der Autorin lesen. Da nur diese beiden Bücher momentan im Buchhandel zu bekommen sind, habe ich mir das Buch „Katharinenstrasse“ antiquarisch besorgt. Der Roman ist aus dem Ungarischen übersetzt von Vera Thies und 1989 im Verlag Volk und Welt erschienen.
Gepackt hat mich das Buch von der ersten Zeile an. Der Roman erzählt über drei bürgerliche Familien, die in Häusern nebeneinander in der Katharinenstrasse, auf Ungarisch Katalin utca, in Budapest leben. Es sind Herr und Frau Elekes mit ihren Töchtern Irén und Blanka; der Major Biró, seine Haushälterin Mrs Temes und ihr Sohn Bálint; und der jüdsiche Zahnarzt Herr Held und seine Frau und ihre Tochter Henriett.
Magda Szabó hat ihren Roman gekonnt aufgebaut. Durch die Erzählung aus der Rückschau, aus dem Erinnern, entsteht das (vermeintliche) Begreifen, und das Zerfallen des Lebens in Begebenheiten. Es beginnt mit einem Kapitel Orte, in dem geschildert wird, was aus den Figuren geworden ist. Die Familie Elekes wohnt jetzt beengt in einem Wohnblock und kann auf der anderen Flussseite auf die Katharinenstrasse sehen. Da man die Figuren noch nicht kennengelernt hat und auch nicht weiss, warum die Familie nicht mehr in der Katharinenstrasse wohnt, wird eine Spannung aufgebaut und ich möchte erfahren, was den Figuren wiederfahren ist.
„Sie erkannt plötzlich, dass ihre Vergangenheit, die sie in der Jugendzeit und in der relativen Jugend als so abgerundet und greifbar empfunden hatten sich durch den Prozess des Alterns aufgelöst hatte: Sie waren in Teile zerfallen, in denen alles das, was sie bis zu jenem Tag erlebt hatten auch enthalten war, nur anders.“
Das wird in dem Abschnitt Zeitpunkte und Episoden eingelöst. Hier erzählt Magda Szabó über Ereignisse in den Familien, beginnend 1934 bis 1968. Es sind einzelne Episoden, beginnend mit dem Einzug der Helds in das Haus in der Katharinenstrasse und einem Schauspiel, welches die Kinder anlässlich des Geburtstags des Majors aufführen, in denen die Charaktere der Figuren, besonders die Kinder, vorgestellt werden. Als die Geschichte sich entfaltet, wird gezeigt, wie sich die geschichtlichen Ereignisse unterschiedlich auf die Familien auswirken, wobei die Begebenheiten zwischen den Familien eng miteinander verwoben sind.

Es wird eine Hochzeit zwischen Bálin und Irén geplant. Aber während des Zweiten Weltkrieges werden die Helds deportiert. Henriett wird im Haus des Majors versteckt. Sie kommt um, als sie nach den Sachen in dem Haus ihrer Eltern schauen geht. Man erfährt, dass andere Bewohner der Katharinenstrasse bei Bombardierungen sterben. Der Major wird an der Front getötet. Bálin wird Soldat und gerät in Gefangenschaft.
Nach dem Krieg wird die Familie des Majors enteignet, weil sich das Herrschaftssystem geändert hat und niemand mehr da ist, der bezeugen kann, wie der Major den Leuten geholfen hat. Bálin kehrt aus der Gefangenschaft zurück, die Hochzeit findet aber nicht mehr statt. Es wird ein Disziplinarverfahren gegen Bálin, der angeblich Geld von Patienten angenommen hat, durchgeführt. Er wurde denunziert und verleumdet von Blanka. Bálin wird in ein Dorf in die Provinz versetzt und Blanka von den Eltern aus dem Haus geworfen.
Zu der Zeit des ungarischen Volksaufstands ändern sich die Bedingungen abermals. Die Häuser in der Katharinestrasse sind umgebaut und es wohnen zum Teil neue Leute dort. Auf den Straße sind Bewaffnete und man hört Schüsse. Bálint wird rehabilitiert und kehrt nach Budapest zurück. Blaska soll sich einem Disziplinarverfahren unterziehen, sie hat neben Bálin auch zwei weitere Kollegen denunziert. Bálint organisiert und bezahlt Blankas Flucht ins Ausland. Sie taucht später auf einer griechischen Insel auf. Im weiteren Verlauf kommt Bálint mit Irén, die inzwischen verheiratet ist, zusammen. Der Roman endet mit namenlosen Kindern, die in der Nachbarschaft der Katharinenstrasse spielen.
Die Konstruktion des Romans ist sehr kunstvoll gemacht und spielt auf verschiedenen Ebenen. Magda Szabó kann wirklich gut die Charaktere von Figuren gestalten. In den geschilderten Szenen zeigt sie ihre Glaubenssätze, Werte, und Schwächen, in ihrer ganzen Komplexität. In den Erwachsenen zeigen sich noch die Eigenheiten der Kinder. Da ist zum Beispiel die Eifersucht Irèns auf Henriett, für die ihr Verlobter Bálin besondere Vertrautheit und Schutzbedürfnis empfindet. Da ist die Blanka, die Bálint und zwei Kolleginnen denunziert und ihre Angst vor der Strafe. Da ist Herr Elekes, der insgeheim hofft, dass Blanka doch wieder nach Hause kommt, er es ihr gegenüber nicht aussprechen kann, da es moralisch richtig gehandelt war, sie aus dem Haus zu werfen. In den späteren Teil tritt Henriett als Geist auf.
Geschickt verwebt Magda Szabó die Ereignisse zwischen den Figuren. Es wechseln die Verbindungen zwischen den Personen und je mehr man erfährt, ändern sich die Perspektiven und Anteile und Bedeutungen, die die Figuren an dem jeweiligen Schicksal der anderen Figuren haben.
Die Schicksale der Figuren stehen aber auch für ihre jeweilige Zeit. Da ist der Krieg mit Verfolgung, Deportieren und Tod. Die Nachkriegszeit mit Hunger und Not, Zwangsenteignung, und Unterdrückung. Die Zeit des Volksaufstandes mit der Lockerung der Bedingungen, und Rehabilitation und Unterdrückung der vorher Herrschenden.
Die Veränderungen über 34 Jahre in der Katharinenstrasse stehen auch dafür, dass die Zeit nicht stehen bleibt, aber immer wieder bekannte Elemente hervorbringt. Das Buch halt noch lange nach Ende der Lektüre bei mir nach.
Magda Szabo: Katharinenstrasse. Aus dem Ungarischen von Vera Thies. Verlag Volk und Welt, 217 Seiten
