
„Die Sonne scheint für alle, sagt man. Das ist eine Lüge
Im 2. Kriminalroman der schwarzen Triologie von Léo Malet „Die Sonne scheint nicht für uns“, aus dem Französischen übersetzt von Andrea Jossen, landet der minderjährige Waise André Arnal wegen Landstreicherei im Gefängnis. Nach kurzer Zeit wird er wieder entlassen und ist erst mal orientierungslos. Er ist dabei, als ein ehemaliger Mithäftling seine Mutter aus dem Fenster stößt, was André vorgeschlagen hatte. Er findet eine vorübergehende Anstellung als Hilfsarbeiter, fingiert dann aber einen Arbeitsunfall mit Versicherungsbetrug. Durch einen Freund lernt er Gina kennen und beide verlieben sich auf den ersten Blick. Mit Gina erlebt André eine scheinbare Normalität. Sie ziehen mit Gina in ein Zimmer im Hotel und er findet kurzeitige Arbeit. Er findet aber keine dauerhaften Anstellungen und er mag sich eigentlich auch nicht ändern, so begeht er weiter Versicherungsbetrug mit fingierten Arbeitsunfällen. André begeht zwei Morde, als Gina bedroht wird, worauf beide fliehen. Der Mord wird begleitet von Zeitungsberichten. Sie nehmen Zuflucht in einem Bauernhof, wo es zu Streitigkeiten kommt und ein Feuer ausbricht, bei dem zwei Bauern sterben. Auf der weiteren Flucht stirbt Gina nach einer selbst vorgenommenen Abtreibung. André stellt sich der Polizei und er wird durch die Guillotine hingerichtet.
„Die Sonne scheint für alle, sagt man. Das ist eine Lüge. Wenn Du draußen pennst, mit knurrendem Magen, oder wenn du herumgammelst, dann scheint die Sonne weniger hell für dich als für die anderen, die gut geschlafen haben. Sie steht zwischen dir und ihnen, wie ein Schleier. Für unsereins bleibt nichts übrig. Nicht einmal die Sonne…“

Für diesen in der Edition Nautilus erschienen Kriminalroman verwendet Malet Chancenlosigkeit von randständigen Menschen als Motiv. Das wenn man Pech im Leben hat, man nicht mehr davon loskommt. Es gibt dabei viele Beispiele an Dingen, die André wiederfahren. Er kommt wegen seines Aussehens und vermuteten sozialen Status ins Gefängnis, bekommt nach der Entlassung keine Arbeitsstelle, ihm werden Dinge im Gefängnis und später von der Polizei unterstellt, die er nicht begangen hat und er verliert seine Anstellungen wieder, weil man ihm Aufgaben nicht zutraut oder er bekommt erst keine Stelle. Dass ihm dabei ein Arbeiter helfend unterstütz, macht die generelle Ablehnung der Menschen nur umso schmerzlicher bewusst. Die Chancenlosigkeit wird aber auch dadurch untermauert, dass André sich nicht in das bürgerliche Leben integrieren mag, er sich zu den Bewohnern eines Elendsquartiers hingezogen fühlt und sich auch gegenüber schlechtem Verhalten und falschen Anschuldigen kaum wehrt. Uns so wird in dem aus der Perspektive des Ich-Erzählers geschrieben Roman, der, wenn man der Autobiographie Malets folgt, eine Mischung aus Erfindungen, verschiedenen authentischen Geschehnissen und persönlichen Erinnerungen ist, klar, warum die Sonne nicht für André scheint.
Léo Malet: Die Sonne scheint nicht für uns. Aus dem Französischen von Andrea Jossen und mit einem Nachwort von Tobias Gohlis, Edition Nautilus, 142 Seiten
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