Léo Malet „Das Leben ist zum Kotzen“

Léo Malet „Das Leben ist zum Kotzen“

„Das Leben war zum Kotzen. Das bestätigte sich jeden Tag.“

Der 1. Roman der schwarzen Triologie von Léo Malet trägt den Titel „Das Leben ist zum Kotzen“ und ist von Sarah Baumfelder und Thomas Mittelstädt aus dem Französischen übersetzt und in der Edition Nautilus erscheinen. Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt. Der Protagonist Jean ist Mitglied einer Bande von Banditen. Diese begehen Raubüberfälle, bei denen es zuerst ungeplant zu Toten kommt. Dann beginnt Jean aber auch in der Bande und in seinem seinen Umfeld zu morden, bevor er denunziert, sich selbst bei der Polizei stellt und dabei letztlich selbst getötet wird.

Was wie eine einfache Gängstergeschichte daherkommt, hat aber viele weitere Ebenen, die den Roman so spannend machen. Zum einen ist da die politische Ebene. Die Bande begeht die Überfälle zuerst, um streikende Arbeiter zu unterstützen. Dies ist eine Referenz an den Illegalismus, eine anarchistische Bewegung, bei der Diebstahl und Raub als Mittel zur Umverteilung von Vermögen legitim sind. Die Methode wurde aber seinerzeit schon kontrovers diskutiert. Und so lehnen in dem Buch die Arbeiter das geraubte Geld ab.

Da ist die weitere Ebene der Medien, bei der die Verbrechen der Bande und das Schicksals Jeans durch Berichterstattungen in Zeitungen begleitet werden, oft reißerisch und spekulativ.

Léo Malet „Das Leben ist zum Kotzen“

Eine wichtige Ebene ist die psychologische Deutung, bei der das Handeln Jeans gedeutet und erklärt wird. Oft in Gedanken von Jean selbst, auch in einer Analyse eines Psychiaters, dem sich Jean zum Ende des Buches offenbart. Jean ist zartfühlend, er leidet aber unter einer krankhaften Schüchternheit, die ihn zwingt, seine Männlichkeit mit dem Revolver zu bestätigen. Der Titel des Romans wird mantraartig wiederholt. Und obwohl das aktuell für Jean gar nicht stimmt, weil er als Verbrecher und Mörder eine grosse Handlungsmacht besitzt, wird er dieses Gefühl von seiner Herkunft als Waise, Hilfsarbeiter und Vagabund. So sieht Jean sein Leben als langen unbewussten Selbstmord und man kann davon ausgehen, dass er sein Tod durch die Schüsse der Polizei provoziert hat.

„Erst später wurde mir bewusst, was für ein elender Schiffbrüchiger ich war. Ich wusste nicht, wie ich mich im Leben verhalten sollte. Ich war ein Nihilist. Ich konnte mich nur über das bleierne Bellen des Kameraden Browning ausdrücken.“

Ein zentrales Element in der Deutung und das Hauptmotiv dieses Bandes ist die Sexualität Jeans, die seine Taten erklärt. Jean ist getrieben von der verzweifelten und unerfüllten Suche nach der absoluten Liebe. Er hat erotische Träume, nicht nur während des Schlafs, sondern auch tagsüber, vermag aber keine Beziehungen zu führen. Er verkehrt nur mit Prostituierten. Eine Prostituierte bringt er um, weil er sich ausgelacht fühlt. Als Jean Gloria kennenlernt, bleibt sie eine unerreichbare Geliebte. Obwohl er sie begehrt und seine Gedanken immer um Gloria kreisen, erlaubt er sich nicht die Erfüllung des Begehrens, die von Seiten Glorias durchaus möglich wäre.

Gloria ist von Jeans Taten auch direkt betroffen, Jean tötet während des ersten Überfalles Glorias Vater, später tötet er Glorias Mann, der Jean wegen seiner Besuche bei Gloria zur Rede stellt. Erst zu diesem Zeitpunkt werden beide zu Geliebten. Die sexuelle Beziehung zu Gloria gibt Jean aber keine Erfüllung. Er wähnt sich vielmehr als unfähig „Lust zu geben“ und minderwertig. Er ist dauernd von Zweifeln an der Aufrichtigkeit den Gefühlen seiner Geliebten geplant. Und als Jean seine Taten im Beisein von Gloria gesteht, ist die Beziehung unrettbar verloren. Zum Schluss löscht Jean seinen unstillbaren Drang nach Liebe und Lust zu Gloria aus, indem er mit der Waffe in der Hand in eine Polizeistation geht. Somit wird in dem Roman gezeigt, welche starken Auswirkungen eine dysfunktionale Wahrnehmung und Sexualität auf das Leben eines Menschen haben kann. Dass alles erzählt Malet in einer lakonischen Sprache, benutz auch oft Argot, deren Stärke stark im Widerspruch zu den Selbstzweifeln und Versagend Jeans steht.

Léo Malet: Das Leben ist zum Kotzen. Aus dem Französischen von Sarah Baumfelder und Thomas Mittelstädt und mit einem Nachwort von Tobias Gohlis, Edition Nautilus, 159 Seiten

Photo by Jean Carlo Emer on Unsplash

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