„Eines Tages im August verschwand ein Mann“
Ich habe den Klassiker „Die Frau in den Dünen“ von Kobo Abe gelesen. Das Buch ist aus dem Japanischen von Oscar Benl und Mieko Osaki übertragen worden und im Unionsverlag erschienen.
Der Inhalt des Romans ist kurz erzählt: Der Hobbyinsektensammler Jumpei Niki gerät bei der Suche nach einer neuen Insektenart zu einem abgelegenen Dorf in einer Landschaft aus Sanddünen. Als er ein Quartier für die Nacht sucht, bieten ihm die Dorfbewohner Unterkunft in einem Haus einer Frau in einem Sandloch an. Er steigt über eine Strickleiter in das Loch hinab. Als er am nächsten Morgen aufbrechen will, ist die Strickleiter verschwunden. Er beginnt zu begreifen, dass er gefangen ist und seine Aufgabe im Schaufeln von Sand besteht, der droht, das Loch zu verschütten.

Das Buch hat keine grosse Handlung, handelt aber von existentiellen Dingen. Der Sammler, der auszieht Insekten zu sammeln sitzt in der Falle. Geschildert wird zuerst, wie Jumpei Niki seine neue Existenz begreift und sich dann dagegen auflehnt. In der ersten Nacht ist er nur beunruhigt, dann lehnt er sich auf, wobei sich die Handlung schnell zuspitzt. Er rebelliert und schaufelt keinen Sand, wird dafür bestraft und merkt, dass, ohne das Schaufeln, das Loch droht einzufallen. Später gelingt es ihm, aus dem Loch zu fliehen. Er wird aber gefasst und zurückgebracht. Zum Schluss scheint er seine Existenz zu akzeptieren.
„Der Sand hörte nie auf, herunterzurieseln. Der Mann wurde ganz verwirrt. Er war so fassungslos, als sei er auf den Schwanz einer Schlange getreten, die er zunächst für winzig klein gehalten, die sich jedoch als überraschend gross erwiesen hatte und deren Kopf in dem Augenblick, als er dies erkannte, bereits von hinten auf ihn zustiess.„
Es wirft bei mir die Frage auf, warum sie überhaupt gegen den Sand schaufeln? Ich erfahre, dass es dem Dorf dient. Es bleibt aber unklar, warum sie keine Mauern oder technische Einrichtungen nutzen, um sich gegen den Sand zu wehren. Was passiert eigentlich, wenn die Bewohner im Loch krank oder alt werden, und nicht mehr schaufeln können? Oder warum gehen sie nicht einfach von diesem Ort weg?

Die Sprache ist lakonisch. Die Geschichte beginnt dem Satz, dass ein Mann verschwand und dann wird seine Geschichte erzählt. Kobo Abe schildert, wie der Sand alles durchdringt. Der Sand zerstört Mobiliar und Substanz des Hauses. Es rieselt permanent durch die Ritzen. Der Sand verdirbt das Essen und das Trinken. Die Haut entzündet sich durch den ständigen Kontakt. Hangrutsche bedrohen das Haus. Wenn sie nicht permanent dagegen schaufeln, droht der Sand alles unter sich zu begraben. Dabei entsteht beim Lesen Abscheu und auch Grauen vor dem Sand.
Abe schildert auch die Beziehung Jumpei Nikis zu der Frau, die, trotz der Situation in der sich beide befinden, von Anfang an erotisch geladen ist und deren Umsetzung in dem Sand nicht ganz einfach ist. Es entwickeln sich verschiedene Dynamiken von Misstrauen, Begehren, Gewalt und Akzeptanz zwischen den beiden. Die Dialoge sind bei Kobo Abe nicht sehr erhellend. Man muss einfach der Handlung folgen.
Man kann den Roman philosophisch und allegorisch als perspektivische Sicht des Menschseins lesen, kann sich aber auch einfach der Handlung übergeben und schauen, wie ein Leben plötzlich unerwartet verläuft.
Kobo Abe: Die Frau in den Dünen, Aus dem Japanischen von Oscar Benl und Mieko Osaki, Unionsverlag, 248 Seiten
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