Kae Tempest: Running upon the wires/Vibrationen

Das Werk der britischen Lyrikerin, Roman- und auch Theaterautorin und Performerin Kae Tempest verfolge ich mit großem Interesse und schätze am meisten ihre Lyrik. In dem Gedichtband „Runnin up the wires/Vibrationen“, erscheinen im Suhrkamp Verlag versammelt Kae Tempest Gedichte über das Ende einer Beziehung und der Beginn einer Neuen.

Der Band ist in drei Teile geteilt: 1) das Ende, 2) die Mitte und 3) der Anfang. Tempest hätte natürlich auch eine andere Reihenfolge wählen können, sich aber für diese entschieden und ich bin bereit, ihr in dieser Richtung zu folgen.

Kae Tempest: Running upon the wires/Vibrationen

In das Ende beschreibt sie eine Trennung mit allem Schmerz, das Nichtloslassen können, die Erinnerungen an das vergangene gemeinsame Leben. Im Wissen, dass auch etwas (am Ende) nicht mehr Gutes endlich vorbei ist, im Wissen auch, dass die Phase vorbeigehen wird, aber auch in Verwunderung, dass das Verwinden doch so lang dauert. Und letztlich das wieder neue Leute treffen.    

The wind was as bitter as we have become/

der Wind war so bitter, wie wir geworden sind

In der Mitte kommen die Gedichte zum (neu) Verliebtsein mit der Hingabe, dem Rausch, den neuen Möglichkeiten. Die körperlichen Erkundungen, die ersten Male zusammen, das Integrieren ins eigene Sozialleben, und der beginnende Alltag mit dem Nachlassen des Verliebtseins.  

„I don`t want to go backwards with her anymore, I want to go forwards with you/

ich will nicht mehr mit ihr rückwärtsgehen, ich will mit dir vorwärtsgehen“

In der Anfang, kommen die geteilten Erlebnisse (Beim Begräbnis deiner Mutter), der Alltag, der noch verkündet wird (Wir haben neue Bettwäsche), der erste Streit, die Häuslichkeit, Verbundenheit und Liebe vor. Und es gibt ein Vorsatz, dass die Beziehung zugewandt und lebendig bleiben soll. Ob dies gelingt, ist in dem Band, und vielleicht auch in Tempest Leben, noch offen.

„But let`s not get stale and resentful just because we live together/

Aber lass uns nicht fad und nachtragend werden bloß weil wir zusammenleben“

Beschrifteter Telefonhörer in Telefonzelle

Was die Gedichte, neben der Sprache, den Bildern und dem Rhythmus ausmacht, ist das Kae Tempest sich nicht scheut, die Empfindungen die Liebe und Beziehungen mit sich bringen, zu vermeiden oder versucht sie zu dämpfen, um nicht zu viel empfinden zu müssen. Nicht den Schmerz der Trennung und den Liebeskummer, was menschlich noch verständlich wäre. Aber sie bleibt auch präsent und ehrlich in den Momenten, die in Paarbeziehungen nicht gefühlt werden wollen, voller Ambivalenz sind, und gerne in Ironie, Untertreibungen und Zynismus verband werden und dann die Beziehungen belasten. Aber sie scheut auch nicht die rauschhafte Hingabe und Ektase der Liebe und zeigt damit, dass sie keine Angst vor der Höhe im Spektrum ihrer eigenen Gefühle hat. Am Anfang wollte ich erst gar nicht weiterlesen, es kam mir wie ein unerlaubter Einblick in ein Tagebuch vor. Aber Kae Tempest hat die Gedicht ja publiziert und damit den Einblick in ihr Gefühlsleben ausdrücklich gestattet.

Außerdem trifft auf den Gedichtband von Tempest was Odile Kennel in ihrem Essay „Lust“ (Verlagshaus Berlin) über Lyrik generell schreibt: „das Gedicht steht dem Körperlichen näher als die Prosa, weil die Stimme, weil der Atem, weil der Takt.“ Und so sind Streit, Schmerz und Verzweiflung, aber auch das Liebesspiel durch die virtuose Sprache von Tempest fast physisch erfahrbar.

In dem vorliegenden Band wechseln sich Balladen, formell strenge Gedichte mit Fragmenten ab. Dabei immer im Englischen mit dem Klang der Worte und Ausdrücke spielend, was die Gedichte Tempest so unverwechselbar macht. Und man merkt in der Sprache auch immer eine Tendenz zur Performance, weshalb man die Gedichte auch gut laut lesen kann. Johanna Davids hat die Gedichte aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, und man kann die Übersetzungen neben den Originalgedichten lesen. Wer also mag, kann hier Gedichte von Kae Tempest in beiden Sprachen kennenlernen.      

Kae Tempest: Running upon the wires, Vibrationen, Gedichte, übersetzt von Johanna Davids, edition Suhrkamp, 113 Seiten

Photo by Kelly Sikkema on Unsplash

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