Juan Guse: Tausendmal so viel Geld wie jetzt

„Ich könnte heute diesen Friedhof kaufen, und morgen kauf ich mir dein Haus“

Um es vorweg zu sagen: ich mag es, wenn eine Autorin oder ein Autor ein Thema mit intellektueller Neugierde und Leidenschaft verfolgt und daraus ein gleichfalls bereichernder und unterhaltsamer Text wird. Eliot Weinberger, David Foster Wallace, Emmanuel Carrère und Daniel Schreiber sind prominente Vertreter dieses Genre. Ein erzählendes Sachbuch „Tausendmal so viel Geld wie jetzt“ von Juan Guse ist jetzt im S. Fischer Verlag erschienen. Es geht in dem Buch darum, wie normale Menschen zum richtigen Zeitpunkt Geld investieren und sie mit gutem Glauben, Akribie, aber auch Glück, zu Reichtum kommen und wie das ihr Leben verändert hat. Und die Geschichten dieser Menschen bergen noch viele aktuelle Themen unserer Zeit.

Juan Guse: Tausendmal so viel Geld wie jetzt

Das Ökosystem der Kryptowährungen

Juan Guse hat sich für sein Buchprojekt das Ökosystem der Kryptowährungen vorgenommen. Er erzählt wie verschiede Leute mit Spekulationen in Kryptowährungen reich geworden sind. Da ist zum Beispiel Basti, der mit Drogen sein Geld gemacht hat, dann eines Tages hektisch ausgestiegen ist. Oder Malte, der einen online shop für Campingartikel hatte und sich, nach einem Streit mit seinem Partner, hat auszahlen lassen. Oder Arne, der nicht Lohnsklave sein und sich in unerfüllenden Jobs verschenken möchte. Sie alle haben überschüssiges Geld in Kryptowährungen angelegt hat, deren Kurse sich über die Zeit vervielfacht haben.

Keine der Geschichten ist dabei ein Märchen. Mit dem Aufkommen der Blockchain haben sich die Figuren dafür interessiert und sie teilen den Glauben an das Versprechen der Technologie an ein offenes und gerechtes Internet. Während der Covid Pandemie, haben sie sich tief in das Thema eingearbeitet und alles eingesetzt. Ihren Reichtum haben sie dann der Verbindungen ihres hohen Einsatzes mit extremen Renditen zu verdanken. Sie haben gelernt, dass die Kurse auch wieder sinken können, haben aber so viel, dass sie finanziell frei sind. Zumindest Basti ist Millionär.

Sie gehen dabei auf sehr unterschiedliche Weise mit ihrem Reichtum um. Basti arbeitet auf einem Friedhof, um nicht verrückt zu werden und weil er die Arbeit in der Natur mag. Malte und Arne gehen nicht Arbeiten, sondern folgen ihren Interessen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie ihren erworbenen Reichtum nicht zur Schau stellen, und man erst bei genauer Betrachtung der Lebensweise merkt, dass sie Geld haben.

Die existentiellen Fragen der Zeit

Das Buch berührt dabei die existentiellen Fragen der Zeit. Wie fühlt es sich an, wenn das Erlangen von Wohlstand, anders als noch bei der Elterngeneration, druch Arbeit nicht mehr möglich ist, weil die Voraussetzungen und Chancen nicht mehr gegeben sind. Oder möchte man überhaupt zur Mittelschicht gehören, wenn sich deren Leben so wenig verheißungsvoll anfühlt, mit dem Einfamilienhaus und dem jährlichen Urlaub in einem Mittelmeerland. Und sie wollen das System nicht ändern oder bekämpfen, sondern auf die Seite der Vermögenden wechseln durch riskante Spekulationen.

Man hat es geschafft, wenn man nicht groß nachdenken muss, was etwas kostet, wie und wo man wohnen möchte, wann und wohin man verreisen möchte. Es ist auch die Suche nach dem Gefühl zu den Gewinnern zu gehören, wenn eine neue Technologie zur Veränderung bei den Besitzverhältnissen führt (wie vorher die Industrialisierung, Internet etc.). Sowie auch das Gefühl der Überlegenheit, das viel Geld mit sich bringt („und morgen kauf ich mir dein Haus“).

Es geht auch darum wie die Wirtschaft und das Internet gestaltet sein soll. Die Dezentralisierung der Blockchain Technologie soll ein freieres und faireres Internet bringen, von dem alle profitieren. Kryptowährungen hat bisher aber nur wenige reich gemacht und fair verteilt ist es auch nicht in einem unregulierten Markt. Die, die nach dem Klettern der Kurse auch wieder Geld verloren haben (wieviel ehemalige Kryptomillionäre mag es geben?), die, die ihr investiertes Geld verloren haben oder die auf Betrug reingefallen sind, muss es auch geben, wenn einige mit großem Gewinn rausgehen. Es wird ja nicht Geld erwirtschaftet, sondern nur anders verteilt.

Zudem gibt es noch die Frage, was für ein Leben man mit finanzieller Freiheit führen kann. Man kann sich da immer viel vorstellen, der Beweis muss aber häufig nicht angetreten werden. Es ist bemerkenswert, dass keiner der Figuren ein verschwenderisches Luxusleben führt. Aber auch keins, wo sie unbeschwert kreativ sein können oder das sie Hilfsprojekte oder Sachen mit Bedeutung durchführen. Vielmehr haben sie sich in einer kleinen Nische eingerichtet, wo sie von staatlichen Strukturen und den Unbilden des Zusammenlebens mit anderen Menschen etwas mehr geschützt sind. 

Eine Mischung aus Soziologie und Literatur

Juan Guse hat für das Buch Menschen aus der Kryptowährungenszene befragt, hat in Foren und auf Events recherchiert und die Erfahrungen dann literarisiert. Das Buch ist eine Mischung aus Soziologie und Literatur. Man ist beim Lesen am Enstehungsprozesses beteiligt; ist dabei, wenn er die Figuren trifft, mit ihnen beim Klettern ist, oder bei ihnen übernachtet. Zum Schluss des Buches besucht er auch die SmartCon.

Man erfährt auch etwas über den Autor, ist dabei, wenn er auf Lesungen auftritt. Er lässt sich von den Erzählungen anstecken, investiert auch etwas und verliert das Geld (was ihm lange nachgeht). Er bleibt dabei aber kritisch beobachtend und es ist klar, was ihm an seinem Thema fasziniert. Es ist dabei aber kein wissenschaftlicher Text noch ein finanztechnisches Sachbuch. Juan Guse hat die Gabe seine Beobachtungen gut auszuwählen und diese mit klugen Betrachtungen zu versehen, was es sehr gut lesbar macht. Er verfolgt konsequent sein Thema und verliert es trotz der vielen Anspielungen und Abweichung nicht aus den Augen. Ich habe das Buch mit großem Genuss gelesen und kann die Faszination des Autors an dem Thema nachvollziehen.

Juan S. Guse: tausendmal so viel Geld wie jetzt. S. Fischer Verlag, 190 Seiten

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