Joseph Mitchell: New Yorker Reportagen

“Ich besass einen Polizeireporterausweis, ich war einundzwanzig Jahre alt und alles war neu für mich. Am Ende meiner Zeit in Harlem war ich so fasziniert von den allernächtlichen Melodram der Metropole, dass ich mein Ziel, politischer Reporter zu werden, vergass.“

Sollte man über Reportagen und journalistische Text in einem Literaturblog schreiben? Ich finde ja, denn die Reportagen von Joseph Mitchell haben literarische Qualität. Joseph Mitchell arbeitete als Journalist seit 1929 für verschiedene Zeitungen, und berichtete vor allem über New York. Er wurde zur lebenden Legende, auch wenn oder eventuell auch gerade weil er seit den 60er Jahren bis zu seinem Tod nichts mehr veröffentlichte, obwohl er noch täglich in sein Büro ging.

In dem Band „New York Reporter. Aus der grössten Stadt der Welt“ aus dem amerikanischen Englisch von Sven Koch und Andrea Stumpf übersetzt und bei Diaphanes  erschienen sind die frühen Texte aus den 30er Jahren versammelt. Es ist die Zeit der großen Wirtschaftskrise. Mitchell arbeite als Reporter für The Herald Tribune und The World Telegramm. Zu der Zeit waren Zeitungen, das wichtigstes und essentielles Medium für Informationen in der Stadt. Mitchell schreibt über Unfälle, Verbrechen, Sportereignisse, wie sie jeden Tag vorkommen. New York war in den 30er Jahren die größte Stadt der Welt, mit über 8 Millionen Einwohnern. Sehnsuchtsort für Leute die es im Leben schaffen wollten. Zufluchtsort für Migranten aus dem von Diktatur und Krieg gezeichneten Europa. New York hatte ihnen viel versprochen. Bei einigen hat sie es übermäßig eingelöst, anderen blieb sie alles schuldig. Es muss eine bunte und wilde Zeit gewesen sein, folgt man den Berichten Mitchells, der genau und mit echtem Interesse die Menschen und ihre Schicksale in der Zeit beobachtet. Der Band versammelt Portraits von Karikaturisten, Austernzüchtern, Voodoo-Priestern, Sportlern, Exzentrikern und Berühmtheiten. Er findet seine Porträtierten an Orten wie Bars, Burlesque-Theatern, Kirchen, bei Sportereignissen, Jazzparties, Ausflugsziele und sogar bei Hinrichtungen.

Joseph Mitchell New York Reporter

In den Stories fängt Mitchell oft die generelle Stimmung in einer Bar, in der der Barmann seine, sich komisch benehmenden, Gäste hasst und untermauert dies mit Einzelportraits. Manchmal schreibt er auch, vermeintlich mit Abstand, über sein Gewerbe, wie er sich auch oft mit in die Geschichten miteinbezieht, z.B. wie sie sich Journalisten bei Berichten über Burlesque-Shows der Nacktheit bedienen, um ihre Artikel zu verkaufen; um dann aber so viele Details über die Tänzerinnen zu schreiben und es damit keinen Deut anders zu machen, wie seine angeprangerten Kollegen. Mitchell schreibt oft lakonisch im Ton, mit viel Humor. Die Geschichten haben oft ein abruptes Ende, als wären sie nicht zu Ende erzählt. Das Buch hat ein nützliches Glossar, die Erläuterungen helfen dem Verständnis, weil man viele Figuren, Orte und Ereignisse heute gar nicht mehr kennt. Und man merkt, wie schwierig auch die Übersetzung gewesen sein muss, bei den Slang-Wörtern die auch erklärt werden.

New York - Stadt am Wasser

Noch mehr mochte ich die längeren Reportagen, die in dem Band „Zwischen den Flüssen. Yorker Hafengeschichten“ versammelt sind. Die Texte sind etwas später entstanden, als Joseph Mitchell schon für den New Yorker arbeitete.

New York hat mehr als 800 Kilometer Ufer an Flüssen und Meer und damit ist das Wasser immer gegenwärtig. Mitchell spürt den Existenzen derer nach, die an, mit und vom Wasser leben. Er versammelt Fischer, Kapitäne, den Wirt eines Fischrestaurants, Kontrolleure der Gesundheitsbehörde und anderer Personen und findet seine Geschichten in einem verlassenen Hotel, an Fährhafen, Schiffswracks, und Austernbänken (die schon in den New York Reporter Band auftauchen). Und immer wieder gibt es Beschreibungen des Wassers.

Joseph Mitchell: Zwischen den Flüssen

Besonders interessant ist eine Reportage über Ratten. Mitchell zeigt auf, wo sie überall leben. Man wähnt sie dann überall in New York. Nicht zu Unrecht, da sie gut angepasst sind, sich schnell vermehrend, und sich verbreitend (auf dem Land- und vor allem auf dem Seeweg). Die Ratten zu bekämpfen scheint nutzlos, da sie immer wiederkommen. Erfolgversprechender ist es, die alten und maroden Gebäude New Yorks, die den Ratten so viele Nistmöglichkeiten bieten, rattenfest machen. Spannend zu lesen ist, wie New York nur knapp und mit etwas Glück einem Ausbruch der Pest entkommen ist, als ein Schiff mit infizierten Ratten und Rattenflöhen im Hafen anlegt und es erst spät bemerkt wird. Der Vorfall wurde zuerst geheim gehalten, um keine Panik zu schüren. Die Reportage ist 1944 erschienen, scheint aber noch aktuell. Erst vor Kurzem habe ich in der Süddeutschen Zeitung gelesen, dass New York noch immer gegen Millionen von Ratten kämpft, die sich vor allem wegen des überall herumliegenden Mülls vermehren.

Wie auch die New York Reporter Geschichten in der Ichform geschrieben. Meist startet Mitchell die Geschichten mit einem persönlichen Bezug, so zieht ihn z.B. seine trostlose Stimmung am frühen Morgen auf den Fulton Fish Market, im Laufe der Geschichte tritt er aber hinter die Figuren zurück. Die Geschichten entfallen einen großen Sog und ich kann gar nicht aufhören zu lesen. Ein ganz anderes New York, als ich es zu kennen meine, erscheint vor meinem Auge. Wenn man die literarischen Reportagen von Joseph Mitchell entdecken möchte, empfehle ich besonders diesen Band.

Joseph Mitchell: New York Reporter. Aus der grössten Stadt der Welt, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Sven Koch und Andrea Stumpf, Diaphanes, 341 Seiten

Joseph Mitchell: Zwischen den Flüssen. Yorker Hafengeschichten, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Sven Koch und Andrea Stumpf, Diaphanes, 265 Seiten

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