
„..wie sie dasitzen und auf die nächste, die letzte Fahrt warten, zu der sie aufbrechen werden, der nie endenden, der, von der sie nicht wieder nach Hause kommen..“
Ich habe von Jon Fosse die ersten beiden Bände der siebenteiligen Romanreihe mit dem Titel „Der andere Name“ gelesen. Das Buch ist aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel im Rowohlt Verlag erschienen. Es hat eine Handlung, die schnell erzählt ist. Asle, ein Maler, wohnt in Dylgja, einem kleinen Ort in der Nähe der Stadt Bjørgvin. Während einer Autofahrt macht sich Asle Vorwürfe, dass er nach einer Einkaufstour an der Wohnung seines alkoholkranken Freundes, der auch Asle heisst und Maler ist, vorbeigefahren ist. Er fährt schließlich noch einmal zurück, findet den Freund im Schnee liegend, kehrt mit ihm in ein Wirtshaus ein und bringt ihn dann in ein Krankenhaus. Der Freund und Namensvetter wird bis zum Ende des Buches nicht mehr entlassen. Asle kümmert sich währenddessen um seinen Hund.

Die karge Handlung ist durchsetzt von Asles Gedanken und Erinnerungen. Er denkt zum Beispiel an seine Kindheit zurück, an seine verstorbene Frau Ales, an das Leben des anderen Asle. Die Erinnerungen sind immer sehr lebendig und schieben sich dann in den Vordergrund. Auch bei machen Begegnungen von Asle, zum Beispiel mit seinem Nachbarn Åsleik, der ihm gepökeltes Fleisch und Laugenfisch bringt, oder einer Bekannten, die ihm über in Bjørgvin über den Weg läuft, und die andeutet, dass sie sich sehr gut kennen würden, haben etwas Traumartiges und es bleibt unklar, ob sie sich wirklich ereignet haben. Und mit der Zeit habe ich mich auch gefragt, ob der zweite Asle wirklich existiert. Oder ob es eine Projektion einer anderen Version seiner selbst ist (der andere Name)? Die beiden Asles sind sich auch äusserlich ähnlich. Denkt Asle darüber nach, wie es wäre, wenn er nicht mit dem Trinken aufgehört hätte und als Alkoholiker im Delirium tremens liegen würde?
Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive Asles vor einer kargen Landschaft Norwegens und mit karger Emotionalität. Der Text, der durch keinen Punkt gegliedert ist, hat viele Wiederholungen und Variationen, was genau dazu führt, dass der Unterschied zwischen Wirklichen und Unwirklichen verschwimmt. In der Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises hat Fosse die Wiederholungen als „Ausformulierung eines langgezogenen Jetzt“ bezeichnet. Und auch wenn der Text etwas Aufmerksamkeit braucht, entwickelt sich dadurch auch ein Sog beim Lesen und das Gelesene hallt noch nach.
Jon Fosse: Der andere Name, Heptalogie I-II, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt, 475 Seiten
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