Jeremy Reed: Beach Café

„Das Café war ein Leuchtfeuer in der Nacht für alle, die allein waren. Hier saßen sie, unbeirrbar, in sich selbst versunken, und gingen erst zögernd nach Hause, wenn ein grüner Streifen am Himmel eine imaginäre Dämmerung ankündigte.“

Manchmal nehme ich ein Buch aus einer Buchhandlung auf gut Glück mit, ohne dass ich bereits etwas darüber weiss. Ein Zufallskauf. Das Buch „Beach Café“ von Jeremy Reed habe ich mir in der Buchhandlung sec52 in Zürich, die ich sehr empfehlen kann und in der ich viel Zeit verbracht habe, gekauft. Das Buch ist in der Übersetzung aus dem Englischen von Pociao im bilgerverlag erschienen. Der Verlag und die Buchhandlung werden von Ricco Bilger betrieben und die Verlagsräume sind in der Josefstrasse 52, zusammen mit dem Buchladen.

Der Roman beschreibt aus der Sicht eines Ich-Erzählers einen Sommer, den vier Jungen am Meer verbringen bevor ihr letztes Schuljahr beginnt. Die Jungen verbringen ihre Zeit mit Müßiggang, mit Literatur, unterbrochen von Besuchen in Bars und Musikprojekten. Zu Beginn sind die Jungen vor allem an einem felsigen Strandabschnitt, der eine cruising area für Männer ist, die Sex mit Männern haben, ist. Die Jungen probieren es Frauenkleider zu tragen, schminken sich. Einige von ihnen haben Sex mit Männern, manchmal auch mit älteren Männern, die sie mit Geld und Geschenken aushalten. Dione ist das Zentrum. Er ist exzentrisch, und alles ist bei ihm überzogen, seine feinen Kleider, sein Feiern, die Drogen, der Sex. Bei den Anderen ist alles noch nicht routiniert, wie das verbotene Doppelleben der älteren Männer, die ihre Neigung nur Geheimen ausleben können und viel verlieren können, wenn sie überführt werden. Es besteht die konkrete Gefahr der Verhaftung durch die Polizei, wie die Jugendlichen erfahren müssen, als sie Zeuge einer Razzia am Strand werden. Für die Jugendlichen ist es ein von den Eltern verbotener Ort, aber sehr faszinierend und anders als das von zu Hause gewohnte Leben. Es zeichnet sich aber schon ab, dass sie sich bald entscheiden werden müssen, zwischen ihren Neigungen, die sie in sich entdeckt haben und dem Leben, das von ihren Eltern für sie vorgezeichnet ist.

„Unser Treiben war nicht unbemerkt geblieben; es bestand die Gefahr, dass wir wegen unserer Gewohnheiten oder der seltsamen Faszination für diesen Teil des Strandes auffielen, und das konnte nur böse enden.“

Es kommt zu einem Badeunfall, bei dem einer der Jungen in einer Strömung ertrinkt. Die Jungen reagieren geschockt, verleugnen zuerst, dass es geschehen ist. Sie haben Angst, dass ihr geheimes Leben auffliegt. Die Gruppe fällt auseinander. Der Unfall, die Übertreibung, die der Tod des Freundes bedeutet, hat alles verändert. Jeder von ihnen geht anders mit dem Unfall um und zieht daraus andere Konsequenzen; zurück in das alte Leben, ganz in die Schattenwelt einzutauchen, oder vor allem fliehen. Die Eltern des Ich-Erzählers haben ihm Zimmerarrest erteilt. In seinem Zimmer hört er Musik, dichtet, träumt. Er entzieht sich der Gruppe mehr und mehr. Er betrachtet die Zeit am Strand nur als Experiment, bei dem er sich nicht festgelegt hat. Er lässt sich mit einem Mädchen ein und verbring seine Zeit im Beach Café, das dem Roman seinen Titel gegeben hat.

„Es war nicht mehr als eine weiß gestrichene Holzhütte mit blauen Fensterrahmen, die am Anfang des Strands stand und einem Schiff ähnelte, das darauf wartet, mit der ankommenden Flut auszulaufen. Abends wurde es Zuflucht eines geheimen Zirkels, einer Gruppe, die sich in der sicheren Gewissheit akzeptiert zu sein, hier versammelt.“

Zum Schluss des Romans entlädt sich die Entscheidung für den Erzähler. Als Dione die anderen Mitglieder der Gruppe zur Aussprache in der Gruppe kommen soll und Dione die anderen an dem Ertrinken des Jungen mitschuldig spricht, machen sich der Erzähler und sein Freund gewaltsame von Dione los.

Jeremy Reed: Beach Cafe

Der Grund das Buch zu lesen ist seine Sprache, sein Reichtum an Metaphern. Ich möchte ständig daraus vorlesen, so treffend und bildreich finde ich die Sprache. Dazu gibt es Holzschnitte von Jean Cocteau. In dem Buch geht es, meiner Meinung nach, um zwei Themen, die Jeremy Reed hier angeht. Zum einen ist es ein Buch über die Zeit des Erwachsenwerdens. Die Zeit der hohen Intensitäten, der Glut, der Poesie, wo Gedichte fiebrig gelesen und auch geschrieben werden, der Musik, und gleichzeitig, die Schwierigkeiten unabhängig von den Eltern zu werden und seinen Platz in der Welt zu finden. Und es ist auch die Zeit der sexuellen Orientierung mit allen Verwirrungen.

Zum anderen geht es in dem Buch darum, was passiert, wenn sexuelle Identität nicht offen ausgelebt und sexuelle Begierden in ein Schattenreich gedrängt werden. Reed zeigt das hier an einem bekannten Strandabschnitt, wo Männer mit Männern schlafen, sich als Frau anziehen und schminken ob der auch dem Beach Café, wo sich in der Nacht eine Gesellschaft der Ausgeschlossenen versammelt. Bei den Jungen ist es noch aufregend, sich auszuprobieren, die anderen Männer in ihrem Treiben zu beobachten und sich auch mal einzulassen. Und es bleibt auch unklar, ausser bei Dione, welche sexuelle Identität sie letztlich annehmen werden. Bei den erwachsenen Männern ist es schon routiniert, wenn sie zum Strand gehen, um anonymen Sex zu suchen, immer in der Gefahr verhaftet zu werden und in ihrem Leben aufzufliegen. Und bei den älteren Männern ist es dann eher verzweifelt, wenn sie sich ihre Befriedigung mit Geld und Geschenken kaufen müssen, während sie schon lebenslang in ihrem Lebenskonstrukt leben. Dabei wird das nicht sehr ausgeleuchtet und betrachtet, sondern in kurzen, atmosphärischen verdichteten Szenen gezeigt.  

Ich habe Beach Café von Jeremy Reed jüngst auf einem Flug nach Venedig wiedergelesen und, auch wenn ich an der ein oder anderen Stelle eine leichten Bruch in der Erzählung wahrgenommen habe, hat es mich wieder in den Bann gezogen. Und so bin ich dem Zufall sehr dankbar für diese Entdeckung.

Die Bände „Rimbauds Delirium“ und „The Nice“ von Jeremy Reed aus den bilgerverlag sind auch sehr zu empfehlen. Die Bücher haben eine gute Aufmachung und die Übersetzung von Pociao lässt das grosse Sprachtalent von Jeremy Reed scheinen.

Jeremy Reed: Beach Café. Übersetzt von Pociao und mit Holzschnitten von Jean Cocteau. Bilger Verlag, Zürich, 142 Seiten

Photo by Austin Neill on Unsplash

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