„Ich singe wie der Vogel singt“: Mascha Kaléko

Ich habe mir generell vorgenommen, mehr Lyrik zu lesen und darüber zu schreiben. ZumAnlass mich mit Mascha Kaléko, vonderen Werk ich bisher nur gehört hatte, zu befassen war das Programm „Nirgendland – Hommage an Mascha Kaléko“, dass ich im Februar im Tollhaus Karlsruhe besuchte. Die Sängerin Etta Scollo vertonte Gedichte Mascha Kalékos und führte diese, begleitet von der Klarinettistin Tara Bouman und der Cellistin Susanne Paul, an dem Abend auf. Die Schauspielerin Katharina Bach, zurzeit an den Münchner Kammerspielen tätig, las dazu Gedichte und Texte und eine biographische Skizze von Horst Krüger. 

Mascha Kaléko, die 1907 in Galizien geboren, aber später mit der Familie erst nach Marburg dann nach Berlin gezogen war, dichtete schon als Schülerin. Eine Zeit großer schriftstellerischer Produktivität hatte sie in den Goldenen Zwanziger, eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Innovationen und der großen Veränderungen. Sie schloss sich der blühenden Kunstszene an und ihr Erfolg als Dichterin wuchs. Da sie jüdischer Herkunft war, konnte sie in der NS Zeit nicht mehr als Schriftstellerin arbeiten. Sie emigrierte 1938 mit ihrem Mann und Sohn in die USA. Dort konnte sie an den Erfolg nicht anknüpfen, da der Sprach- und Kulturkontext fehlte. Außerdem hatte sie wenig Zeit zum Schreiben, musste ihren Mann unterstützen und lebte in Armut („Wir sind ohne Geld. Ohne Freunde. Ohne Verbindungen. Ohne Hoffnung.“). Die Leichtigkeit ihrer ersten Schaffenszeit war längst unter die Räder der Mühen des Alltags gekommen.

In den 50er Jahren wurden die Werke Mascha Kalékos in Deutschland neu aufgelegt und wieder gelesen. Sie reiste nach Europa und Berlin, fand dort aber nicht mehr die gewohnte Stadt und Vergangenheit wieder. Ihr wiederholter Erfolg als Dichterin war nur von kurzer Dauer. Ihre vergriffenen Bücher wurden nicht mehr aufgelegt und der Zeitgeist hatte sich geändert. Sie zog nach Israel, hatte mit Krankheiten zu kämpfen und schrieb wenig („was wird von mir übrigbleiben/drein schmale Bändchen und ein einzig Kind“). Als dann erst der Sohn stirbt, und später auch ihr Mann, zieht sie sich bis zu ihrem Tod 1975 komplett zurück.

Anlässlich ihres50. Jahrestages im Januar 2025 wurden ihre Werkein verschiedenen Verlagenneu aufgelegt. Gelesen habe ich den Band „Die paar leuchtenden Jahre“, der im dtv Verlag schon früher erschienen ist. Der Band, herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal, enthält Gedichte, Lieder, und Prosastücke, biographische Skizzen, Tagebucheinträge, und Briefe. Außerdem enthält der Band auch eine Biographie „Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko“ von der Herausgeberin. 

Die abgedruckten Gedichte erschienen seinerzeit in Zeitungen und später als Buch. Es ist zum Teil Gebrauchslyrik in der Tradition der Merk- und Kalenderverse. Die Gedichte begleiten die Jahreszeiten, sind zum Trost, begleiten Feste, oder dienen als Abzählreime. Dann gibt es noch die Erlebnisgedichte und Kindergedichte. Kaléko findet in fast allem ein Thema. Sie beschreibt den Alltag der Angestellten im Büro, den sie aus eigener Anschauung kennt. Die Arbeit dort fand sie ein Gräuel und beschreibt sie scharfsinnig und spöttisch. Die Welt der kleinen Leute in der Großstadt mit ihren Nöten schildert sie liebevoll ironisch. Die zwingende Notwendigkeit für ein Gedicht, die Tiefe und Melancholie der Dichterin bemerkt man manchmal erst beim zweiten Lesen.

Kalékos gereimte Gedichte haben einen eigenen Ton, sind poetisch und haben einen schnellen Sprachwitz („dem faulen Zahn der Zeit fehlt ein Dentist“), manche sind flapsig, wenn sie zum Beispiel über Borschtsch, oder „Telefonitis“ schreibt. Man kann gut verstehen, wie sie genau das Lebensgefühl der Berliner jener zwanziger Jahre trifft und sich der Ausdrucksweise der Berliner bedient.  Der Band enthält auch Lieder. Und wie gut sich diese gesungen und laut vorgelesen anhören, habe ich an dem Abend im Tollhaus erfahren. Etta Scollo mischt dabei Elemente aus Jazz und Chanson und kombiniert es mit Vokalstücken.Katharina Bach hat die Texte so herausgesucht, dass man das Leben der Mascha Kaléko nachvollziehen kann. Gekonnt unterstreicht sie durch den Vortrag den speziellen Ton ihrer Dichtung. Und so bin ich sehr dankbar, dass ich die Dichterin Mascha Kalékos kennenlernen durfte.

Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre, dtv, 365 Seiten

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