Hervé Guibert: Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat

„Das änderte alles, augenblicklich, diese Gewissheit liess alles, mitsamt der Landschaft, umkippen, und das lähmte mich zugleich und verlieh mir Flügel, nahm mir die Kraft und verzehnfachte sie, ich hatte Angst und war berauscht, ruhig gleichzeitig und zu Tode erschrocken, vielleicht hatte ich endlich mein Ziel erreicht.“

Der Roman „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ von Hervé Guibert erschien bereits 1990, wurde 2021 vom August Verlag in der Übersetzung aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel neu herausgegeben. Das Buch hat in Frankreich schon zu Zeiten seines Erscheinens grosse Aufmerksamkeit bekommen, gilt aber hierzulande noch als zu entdecken.

Der Erzähler Hervé schildert, in dem stark autobiographisch geprägten Werk, die Anfänge der HIV Pandemie im Paris der 80er Jahre.  Hervé lebt als Autor und Künstler, der sich künstlerisch und sexuell frei entfalten kann, als sich bei seinem Liebhaber Jule Anzeichen einer unbekannten Krankheit breitmachen, von der immer mehr klar wird, dass sie sich als AIDS zuerst unter Homosexuellen ausbreitet und von dem er ahnt, dass er auch selbst mit HIV infiziert sein könnte. So berichtet er zuerst von Personen, die bereits infiziert sind oder bei denen AIDS ausgebrochen ist; von seinem Geliebten Jule, dem Freund Muzil, der als Vorbild den Philosophen Michel Foucault hat. Das Outing Michel Foucaults als AIDS Kranken löste in Frankreich beim Erscheinen des Buches einen Skandal aus. Er beschreibt, wie die Infizierten versuchen, die Krankheit vor ihrem Umfeld zu verbergen oder, wenn Symptome zu deutlich werden, durch Lügen zu erklären. Er zeigt die Schwierigkeiten einen Arzt zu finden, die Stigmatisierung der Betroffenen in den Medien („Schwulenseuche“).

Irgendwann bestätigt sich die Vermutung des Erzählers, selbst infiziert zu sein und in dem Teil des Buches beginnt ein Beschreiben des Verlaufs der Krankheit mit Schilderung der Symptome, Arztbesuchen mit Ergebnissen diagnostischer Tests und dem Auftreten opportunistischer Krankheiten. An Hand vieler Parameter zeigt sich, dass die Krankheit über die Zeit zu einem zunehmenden körperlichen Verfall führt und der Erzähler ist sich bewusst, da er es an anderen Infizierten bereits gesehen hat und an Ermangelung einer Therapie, dass er unausweichlich an AIDS sterben wird.

Herve Guibert: Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat

Geschrieben ist das Buch wie ein Bericht, es gibt keine Dialoge, manchmal wird aber Einzelnes von einer Figur gesagtes wie ein Zitat eingebaut. Viel berichtet der Erzähler über sein eigenes Erleben, seine Stimmung wechselt zwischen Hoffen und Mutlosigkeit, der Aussicht auf Therapie und Verzweiflung mit Selbstmordgedanken (Digitalis wird in der Apotheke besorgt). Auch beschreibt er, wie sich die Krankheit auf die Arbeit, auf sein Liebesleben und Freundschaften auswirkt. In ihm setzt die Bedrohung neben Verzagtheit auch einen Drang zum Schreiben frei und er beginnt Projekte abzuschließen.

„…das mich plötzlich, wegen der Ankündigung meines Todes, die Lust gepackt hatte, alle nur möglichen Bücher zu schreiben, all jene, die ich noch nicht geschrieben hatte…“

Zum Schluss des Buches erscheint Bill, ein Pharma-Manager, der auch bei der Entwicklung und Erprobung eines HIV Medikaments beteiligt ist und verspricht, Hervé in die Behandlungsgruppe einer Medikamentenstudie einzuschliessen. Dieses Versprechen löst er aber nicht, wobei die Motive im Unklaren bleiben, und stürzt den Erzähler in Hoffnung und Verzweiflung und wird so zu dem im Titel genannten Freund, der ihm das Leben nicht gerettet hat

In dem Buch Zytomegalievirus dass auch im August Verlag erscheinen ist, verfasst Hervé Guibert wenige Monate vor seinem Tod ein Krankenhaustagebuch und beschreibt hier die Komplikationen der Zytomegalievirusinfektion, der er sich auf Grund der Schwächung seines Immunsystems zugezogen hat.

Heute hat HIV seine Lebensbedrohlichkeit, zumindest in der westlichen Welt verloren, da die Erkrankung gut therapierbar ist, aber das Buch von Hervé Guibert macht nachvollziehbar, wie sich die Welt, in der Personen, die schon durch Homosexualisiert marginalisiert waren dramatisch verändert hat, da die von HIV/AIDS Betroffenen ihre Sexualität gegenüber dem Umfeld unfreiwillig sichtbar gemacht hat und sie dem hoffnungslosen Verfall bis zum Tod ausgesetzt hat.

Hervé Guibert: Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. August Verlag, 269 Seiten

Photo by Bret Kavanaugh on Unsplash

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