„Ida ist tot“
Hélène Bessette (1918-2000) war eine von zeitgenössischen Intellektuellen hoch geschätzte französische Autorin (Marguerite Duras: „Lebendige Literatur, für mich ist das H.B. – und sonst niemand in ganz Frankreich“). Raymond Queneau gab ihr als Lektor bei Gallimard einen Vertrag über zehn Bücher. Zu Lebzeiten hatte sie, trotz zweimaliger Nominierung ihrer Bücher für den Prix Goncourt kaum Leser und verkaufte sich nicht. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeite sie als Lehrerin und später als Putzfrau. Sie starb verarmt, psychisch erkrankt und verkannt. Obwohl es Interesse an der Wiederentdeckung des Werkes Bessettes gibt, sind die meisten ihrer Bücher nicht erhältlich. Der secession Verlag hat zwei Werke „Ida oder das Delirium“ und „Ist Ihnen nicht kalt“ von Hélène Bessette,beide übersetzt von Christian Ruzicska, herausgebracht. Ich möchte davon „Ida oder das Delirium“ vorstellen.

„Nur/WIR DACHTEN SIE WAERE/WIE WIR“
Am Anfang des Romans (über die Form wird noch zu sprechen sein) erfährt man, dass das Dienstmädchen Ida tot ist. Und dass es ein besonderer Umstand gewesen sein muss, der zu ihrem Tod geführt hat. Ein Unfall? Jedenfalls verursacht Idas große Aufregung. Durch Gespräche von Madam Bessot, bei der sie angestellt war, mit Anderen erfährt man nach und nach, dass Ida sich vor einen Lastwagen geworfen hat. Die Diskussion dreht sich um die Person Idas. Man erfährt, dass sie nicht viel über sich gesprochen hat und daher rätselhaft war. Sie war eine gute und gewissenhafte Angestellte. Sie mochte Geschichte. Der Titel des Romans bezieht sich darauf, dass Ida „auf Grund historischer Bilder“ ein Delirium hat, ohne dass das weiter erklärt wird. Da man sie nicht kannte, redet man über das, was man sieht, ihre Füße zum Beispiel. Man verteilt ihre Sachen, Ida hatte viele Kleidungsstücke (vor allem Schuhe) angehäuft, untereinander. Außerdem wird in der Diskussion spekuliert, ob der Tod Idas ein Unfall oder Selbstmord war. Für beide Hypothesen werden Gründe genannt. Ida war gebrechlich und müde, und gab es nicht vorher schon einen Sturz? Wollte sie der Herrschaft nicht zur Last fallen? Fühlte sie sich nicht mehr leistungsfähig? Was hätte sie ohne Anstellung machen, wohin gehen können?
„Ich bin ein Vogel der Nacht“
Was den Roman so interessant macht, sind seine Komposition und Sprache. Es wird in verschiedenen Stimmen über Ida gesprochen und das ist oft entlarvend für die Sprechenden. Es gibt Zuschreibungen wie z.B. Ida sei klug und sie sei fleißig. Dass man sich nicht für das Privatleben der Bediensteten interessiert hat, wird sich als Diskretion angerechnet. Es wird sich noch nachträglich beschwert, dass Ida beim Marmeladekochen verschwenderisch mit dem Zucker war. Sie bezahlen für die Beerdigung und Traueranzeigen, da Ida mitteillos war, betonen aber wiederholt, dass sie bezahlen mussten. Sie fühlen sich in das Unglück mit reingezogen. Und sind pikiert und verärgert, dass sie sich umgebracht hat. Gefüllt ist das Ganze mit bürgerlichen Floskeln.

Das Buch ist als Roman bezeichnet, sieht im Satz aber eher wie ein Langgedicht aus. Bessette hat selbst ihre literarische Technik als „roman poétique“ bezeichnet. Das Ganze liesst sich leicht, die verschiedenen Figuren erscheinen lebendig, obwohl sie nur durch ihre Stimme gezeichnet werden. Ida ist die die ganze Zeit präsent, sie und ihr Tod bleiben aber rätselhaft.
Hélène Bessette: Ida oder das Delirium. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska, secession Verlag, 121 Seiten
