„Die Deutschen machten auf ihrem Feldzug gegen Frankreich zwei Millionen Gefangene …. Es wird Landkarten geben, mit Pfeilen und Kreisen, um zu erklären, wie das Ganze abgelaufen ist.“
Ein Mann kommt nach fünf Jahren aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er hat überlebt, findet aber nicht mehr in sein altes Leben zurück. Zu stark hat das Erlebte seine Wahrnehmung und sein Denken geprägt. Darum geht es in dem Roman „Haut und Knochen“ von Georges Hyvernaud. Der Roman wurde aus dem Französischen übersetzt von Julia Schoch und ist im Suhrkamp Verlag erschienen.
Als der Ich-Erzähler wieder nach Hause kommt, gibt es gleich ein Essen. Alle sind versammelt, seine Verwandten, und seien Frau. Er wird gefragt, was er so erlebt hat. Auch wenn darauf ein paar Anekdoten erzählt, merkt er, dass das wirklich Erlebte nicht geschildert werden darf und/oder kann. Er spürt das Unverständnis, das Trennende, der Leute, die die Gefangenschaft nicht erlebt haben. Also setzt er sich eine Vergangenheit für die Schilderung nach außen zusammen. Die Erinnerungen daran, wie es war, wird er aber auch nicht los.
„Dort redeten wir dauernd vom Glück. Ohne daran zu glauben.“
Es sind Erinnerungen an Entwürdigung und Niedertracht („Für einen Menschen, der nicht zählt, zählt nichts mehr.“). Es sind Szenen auf der Latrine („Wir stellten uns vor, wir wären was Besonderes, wir wären wir selbst. Doch jetzt sind wir die Anderen. Wesen ohne Grenzen, alle gleich, vermengt, im Geruch ihrer Exkremente.“). Existenzen, die durch Kälte, Hunger und das ständige Zusammensein geprägt sind. Die Gefangenen sind keine Menschen mehr, sind Nummern. Es werden immer die gleichen Geschichten erzählt („Jeder redete von sich. Man hörte den anderen nur zu, um ihn anschließend von sich erzählen zu können. Aber im Grunde ist es einem komplett egal.“). Die Gedanken drehen sich im Kreis.

Man lernt die Macken der Mitgefangen kennen, manche sind in der Haft wahnsinnig geworden („Leute, denen das Leben entzogen wurde, bleibt nur die Möglichkeit, das Leben vorzutäuschen.“). Man erfährt, dass auch das Sterben dazugehörte, wenn Hyvernaud über die Massengräber bei den russischen Gefangen schreibt. Im Gegensatz dazu haben die französischen Gefangenen aber meist überlebt. Im letzten Teil des Buches schreibt er über die, in Frankreich beliebten, Heldengeschichten der Soldaten, die er mit der Wirklichkeit kontrastiert („Man wird seinen Teil abkriegen, und zwar reichlich. Seinen Teil an Geschichte und Heldenepos. Seinen Teil an Dunkelheit, Schnee, Dreck und Scheisse.“).
Das Besondere an dem Buch ist, dass Hyvernaud das Leben der Gefangen getreu abbildet. Der Roman ist autobiographisch und Georges Hyvernaud hat 5 Jahre Kriegsgefangenschaft in einem Lager in der Nähe von Armswalde in Pommern erlebt. Ein Teil der Erlebnisse und des Umganges mit den Erfahrungen des Krieges und der Gefangenschaft schildert er in seinem zweiten Roman „Der Viehwaggon“. Sein Umgang mit dem Erlebten entspricht dem, was die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Han Kang in der New York Times geschrieben hat, nämlich, dass „die letzte Verteidigungslinie, durch die ein Mensch menschlich bleiben kann, die vollständige und wahre Wahrnehmung des Leidens eines anderen ist.“ Und viele andere Möglichkeiten des menschlichen Umgangs wären denkbar gewesen, das Verdrängen, das Romantisieren und das Stilisieren zum Beispiel.
Was das Buch aber auch auszeichnet, ist die erzählerische Könnerschaft Hyvernauds. Er verarbeitet die vielen Erinnerungen meisterlich und verwebt sie mit den Beobachtungen der Nachkriegswelt und mit seinen Gedanken. Es ist klar, wie stark ihn das Erlebte geprägt hat und immer noch seine Wahrnehmung, sein Denken, und Handeln beeinflusst. Der Roman hat dabei keine lineare Handlung, sondern besteht aus Fragmenten, eingeteilt in ein paar Kapitel, was dem Erlebten formal gut entspricht.
In dem Nachwort von Julia Schoch erfährt man, dass der Roman, als er 1949 erscheint, kaum Beachtung und Leser im Frankreich der Nachkriegszeit findet. Der Stil der Schilderungen passt nicht in die Zeit, in der das Leben ja weitergehen muss. Der Schriftsteller Georges Hyvernaud hat nur zwei Romane veröffentlicht. Er hörte auf zu schreiben, weil er nicht gelesen wurde. Erst in den 90er Jahren wurde er international wiederentdeckt und sein Werk anerkannt. In der vorliegenden Ausgabe kann man sein Schreiben auf Deutsch entdecken.
Georges Hyvernaud: Haut und Knochen. Aus dem Französischen von Julia Schoch. Suhrkamp, 112 Seiten
