Emmanuel Carrère: V13. Die Terroranschläge in Paris. Gerichtsreportage

Die Bücher von Emmanuel Carrère entstehen immer aus einer Obsession, die Carrère schreibend mehr oder weniger überwindet. So, waren es bei ihm Krankheit und Tod in „Alles ist wahr“ (2014), ein Mordfall in „Der Widersacher“ (2018), die Liebe zu einer Frau in „Ein russischer Roman“ (2017), die Geschichte hinter einer Fotographie in „Julies Leben“ (2020), und der Versuch, durch Mediation die Gedankenströme zu beruhigen und inneren Frieden zu finden in „Yoga“ (2022), die alle bei Matthes & Seitz erschienen sind. In dem Buch „V13. Die Terroranschläge in Paris. Gerichtsreportage“ begleitet Emmanuel Carrère den Gerichtsprozess zu den Terroranschlägen vom 13. November 2015. In dem Prozess, der im Palais de Justice (siehe Abbildung) durchgeführt wird, treten 14 Angeklagte, 1800 Nebenklägerinnen und Nebenkläger, und 350 Anwälte auf. Viele internationale Journalisten begleiten den Prozess. Carrère ist einer der wenigen davon, der über 9 Monate fast jeden Tag dabei ist. Während des Prozesses hat Carrère Kolumnen für den Obs verfasst, die jetzt gesammelt und erweitert als Gerichtsreportage in der Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Hamm erschienen sind.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil handelt von den Geschädigten. An Freitag den 13. (Vendredi 13 – V13) hatten in Paris islamistische Terroristen ein Blutbad vor dem Stade de France, auf den Terrassen der Cafés in der Hauptstadt und im Konzertsaal Bataclan angerichtet. Man erfährt aus Zeugenaussagen, wie die unterschiedlichen individuellen Trajektorien der Opfer des Anschlages sind. Dass die Ziele durch die Attentäter eher zufällig ausgesucht worden sind. Dass es oft ebenfalls Zufall ist, ob sie entkommen oder sich verstecken konnten, wie Menschen sich in Todesgefahr verhalten; ob sie verschont wurden, oder ob sie verletzt wurden und wie schwer, oder ob sie die Anschläge nicht überlebt haben. Für die bei den Anschlägen getöteten Partner, Kinder oder Freunde und Bekannte sprechen die Angehörigen.

Man erfährt, wie unterschiedlich auch das Leben der Überlebenden weitergeht, mit ihren Verletzungen, ihren Traumata, und ihrer Gewissheit, dass die Welt nicht mehr ein sicherer Ort ist. Man kann das mehr im Detail in dem Buch „Der Fetzen“ Philippe Lançon (dtv) nachlesen, der den Terroranschlag auf Charlie Hebdo überlebt hat und sich mit unzähligen Operationen und inneren Kämpfen wieder versucht, ins Leben zurückzufinden und an das alte Leben doch nicht wieder anknüpfen kann. Wie bei den Terroranschlägen vom 13. November, gibt es für die Überlebenden ein Leben davor und ein Leben danach. Carrère hat hier bestimmte Aussagen ausgewählte und setzt in den kurzen Kapiteln unterschiedliche Schreibstile und –geschwindigkeiten ein, um bestimmte Aspekte herauszuheben. So erzählt er zum Beispiel die Geschichte einer Überlebenden, die sich nach 2 Jahren das Leben nahm um damit das hunderteinundzwanzigste Todesopfer des Anschlags zu werden.

„Die Menschen, die sich für Prozesse interessieren, interessieren sich in erster Linie für die Angeklagten. Die Opfer betrauert man, aber das ist es dann auch. In diesem Prozess war es anders.“

In dem zweiten Teil geht es um die Angeklagten. Da die meisten Terroristen, bis auf einen, der die Bombe nicht zündete, tot sind, sind die anderen Beschuldigten nur als Helfer angeklagt. Ich hoffe etwas über die Motivationen und Prozesse, die Terroristen und ihre Helfer hervorbringt zu lesen, erfahre aber nur Alltägliches aus dem Leben der Angeklagten. Manche scheinen eher aus Zufall Helfer geworden zu sein.

Emmanuel Carrere: V13. Die Terroranschläge in Paris

Im dritten Teil steht das Gericht im Mittelpunkt. Es geht viel über die Abläufe des Prozesses und der damit verbundene Aufwand. Es geht um die peinlich genaue Einhaltung der Rechtsnorm, um sich scharf von der vermeintlichen Selbstjustiz der Terroranschläge abzuheben, nicht der Leidenschaft der Vergeltung nachzugeben und damit wieder klar die Strukturen der Zivilisation zu zeigen. Es ist auch das Gericht, dass den Opfern einen angemessen Raum bietet und den Tätern keine Bühne. Und es geht letztlich auch um das Maß an Strafe, da wie gesagt der Grad der Beteiligung bzw. Beihilfe stark zwischen den Angeklagten variiert.

Emmanuel Carrère bleibt bei dem Buch bei dem Format der Gerichtsreportage. Im Vergleich zu seinen anderen Büchern schreibt Emmanuel Carrère dabei sehr wenig über sich, auch wenn seine Reaktionen immer wieder durchscheinen, wie es ihn fordert, wie er mit den anderen Teilnehmern des Prozesses zu einer Gemeinschaft wird, die feiert, als der Prozess abgeschlossen ist. Er bleibt bei den Opfern, den Nebenklägern, den Anwälten und Richtern und den Tätern. Carrère Bücher haben meist in der Komposition immer etwas Rohes, Hastiges und Unfertiges, nicht aber die Gerichtsreportagen, da die Kolumnen bereits fertige Artikel waren. Carrère „V13“ ist ein wichtiges Buch, das ich wegen seiner Vielschichtigkeit und Ausgewogenheit zu dem Thema nur empfehlen kann.

Emmanuel Carrère: V13. Die Terroranschläge in Paris. Gerichtsreportage, Matthes & Seitz, 275 Seiten

Photo by Robin Ooode on Unsplash

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