„Doch am Morgen war nichts übriggeblieben von diesen Hirngespinsten.“
Als ich als Jugendlicher auf Entdeckungstour durch die Literatur ging, hörte ich immer wieder von Emmanuel Bove. Mein Einstieg in das Werk Boves war sein Buch „Meine Freunde“ (Mes Amis), übersetzt und beworben von Peter Handke. Und seit diesem Buch bin ich ein begeisterter Leser von Emmanuel Bove. Seine Figuren sind oft Träumer, zaghaft, naive und ohnmächtig, die Angst vor dem Abgrund haben und sich, verstärkt durch Zufälle, Missgeschicke und Wendungen des Schicksals, dann auch genau dort landen. Zugegeben manchmal war es mir bei manchem Buch auch schwer, in die Köpfe der Helden der Werke Boves zu gehen, in düstere ausweglose Realitäten. Aber dann auch ist es mir wieder auch nicht möglich, seine Bücher nicht zu mögen und zu bewundern. Bei einem Paris Urlaub habe ich auch sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse besucht.

Emmanuel Bove, der zu Lebzeiten literarischen Ruhm hatte, aber immer in unsicheren prekären Lebensverhältnissen gelebt hat, der nach seinem Tod schnell von der breiten Öffentlichkeit vergessen war, hatte immer eine treue Leserschaft, die auch dafür gesorgt hat, dass seine Bücher, auch nach seinem Tod, immer wieder aufgelegt werden. Übersetzungen ins Deutsche erschienen in verschiedenen Verlagen und so steht in meinem Bücherregal eine bunte Wand mit den Werken Boves in den verschiedenen Aufmachungen. Der Verlag Edition diá hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine 21-bändige Werkausgabe der Romane und Erzählungen von Emmanuel Bove herauszugeben. Darunter auch Werke, die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt waren.

Aus dem Programm der Edition diá habe ich mir den Roman „Der Stiefsohn“, übersetzt aus dem Französischen von Gabriela Zehnder, vorgenommen. Die Geschichte beginnt am Anfang des 20. Jahrhunderts und umspannt drei Jahrzehnte. Jean-Noël wächst als unehelicher Sohn in Armut auf, da der Vater nicht für die Familie sorgt. Sein Vater heiratet, gegen den Widerstand der Mutter, eine neue Frau, auch gegen den Widerstand ihrer Familie. Die leibliche Mutter Jean-Noëls bekommt noch einen Sohn von dem Vater, und Jean-Noël einen Bruder. Der Vater mit seiner neuen Frau nimmt Jean-Noëls mit nach Nizza, der damit zum Stiefsohn wird. Als der Vater stirbt, nimmt die Schwiegermutter Jean-Noël mit zu ihrer wohlhabenden Familie. Jean-Noël lässt sich einberufen und kämpft im ersten Weltkrieg. Nach dem Ende des Krieges weiß er nicht, was er tun soll und beginnt Jura zu studieren. Aus einer Beziehung geht ein Kind hervor und dann eine Heirat. Die Familie lebt in einigem Wohlstand, da die Frau Geld einbringt. Bis zum Ende des Buches beendet Jean-Noël sein Studium nicht und geht immer nur kurz einer Arbeit nach. Er verlässt Frau und Kind, als er jemanden anderes kennenlernt.
„Sie wunderte sich jedoch, das Jean- Noël einem Ereignis so viel Bedeutung beimaß, dass für ihn gar keine hatte, und dass er seine Pläne wegen Leuten aufgab., von denen er, wie die Erfahrung gezeigt hatte, nichts erwarten durfte. Sie wagte jedoch nicht, ihn darauf hinzuweisen aus Angst, unmenschlich zu erscheinen.“
Auch in „Der Stiefsohn“ gibt es wieder alle Elemente aus dem Erzählkosmos Boves. Da ist zum einen das Einzelgängertum. Jean-Noël gehört zu keiner Familie wirklich dazu, dabei ist es seine größte Sehnsucht. Die Figuren haben eine Unfähigkeit für Beziehungen. Es gibt keine echte Nähe. Dauernd grübeln die Figuren darüber nach, wer was gesagt hat und wer was gemeint hat, und wie sie auf den Anderen wirken. Freunde scheint Jean-Noël auch nicht zu haben. Zum Schluss bleibt er allein, ausgeschlossen und ist seinem Wunsch nach Verbundenheit durch keine Handlung nähergekommen.
Da ist die Sehnsucht der Hauptfigur, Gefallen zu wollen. Aber es lassen ihn alle spüren, dass er unwichtig ist. Er ist dauernd auf der Such nach Aufmerksamkeit und idealisiert vor allem seine Stiefmutter Annie. Dazu kommt die Unfähigkeit Jean-Noëls, sich der äußeren Wirklichkeit zu stellen. Er ist passiv, zieht sich zurück und hofft, dass, wenn er sich nicht darum kümmert und alles vergisst, die Sachen für ihn gut ausgehen werden. Was praktisch nie der Fall ist. Und es ist genau der Zug der Figuren Boves, die Gefangenheit in den Gedanken und Handlungen, die für mich persönlich immer am schwersten beim Lesen auszuhalten sind.
„Er hatte sich eingebildet, mit der Zeit käme wieder alles in Ordnung.“

Geld ist auch ein zentrales Thema. In seiner leiblichen Familie lebt er in Armut, in seiner Stieffamilie lernt er Wohlstand kennen. In seiner eigenen gegründeten Familie hat er Geld, durch seine Frau, und manchmal auch durch sein Gehalt, aber die finanzielle Sicherheit lässt er zurück, als er die Familie verlässt. Es gibt oft Überlegungen der Figuren, wem was an Geld zusteht und warum. Jean-Noël gibt oft das Geld anderer aus, ohne welches zu verdienen. Es gibt Diskussion, Briefe und Streit und zum Schluss sogar ein Gerichtsprozess. Die Handlung treibt Bove in kurzen Kapiteln von 8 bis 10 Seiten voran. Die Sprache ist einfach. Und Bove gibt neben den Handlungen und Dialogen, die seine Figuren auszeichnen, auch immer Einblicke in ihre Gedanken. Und auch wenn es Figuren sind, die Bove zeichnet, mit denen ich mich persönlich so wenig identifizieren kann, ist es die Sprache die diese Figuren so plausibel macht und damit die Bücher zu so guter Literatur.
Aus der Biographie von Raymond Cousse und Jean-Luc Bitton erfahre ich, dass der Roman autobiographisch ist. Alle Figuren decken sich mit den echten Personen aus Boves Leben und auch die Chronologie der Ereignisse stimmt. Emmanuel Bove wächst in schwierigen Familiensituation auf und kennt auch das Leben in wechselnden finanziellen Verhältnissen. Es ist ein Charakteristikum seines Lebens, dass er versucht der Realität durch Schreiben zu entfliehen. Wer den „Der Stiefsohn“ liest, erfährt, wie er diese Flucht im Schreiben repliziert.
Emmanuel Bove: Der Stiefsohn, Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder. Edition diá, 340 Seiten
Raymond Cousse und Jean-Luc Bitton: Emmanuel Bove. Eine Biographie. Suhrkamp Taschenbuch, 333 Seiten
