Elspeth Barker: O Caledonia

Schon der Anfang des Romans „O Caledonia“ von Elspeth Barker hat mich gleich gepackt. Janet, sechzehn Jahre alt, liegt tot am Fuß der Wendeltreppe von Auchnasaugh Castle, nur ihre Dohle Claws scheint ihren Tod zu betrauern. Aber was sich liest, wie der Anfang eines Krimis, nimmt eine ganz andere Wendung. „O Caledonia“ ist der einzige Roman der Journalistin und Schriftstellerin Elspeth Barker. Nachdem das Buch 1991 erschien, gewann es zahlreiche Preise, war dann aber bald nur noch wenigen, dafür umso treueren und begeisterten, Lesern bekannt. Liebhaber des Buches sorgten dafür, dass 2021 eine neue Ausgabe in Großbritannien veröffentlicht wurde. Nun legt der Berlin Verlag nach und veröffentlicht das Buch in einer Neuübersetzung von Verena von Koskull.

Eslpeth Barker O Caledonia

Die Geschichte einer Außenseiterin

Was nach der Schilderung des Todes von Janet folgt, ist die Rückerzählung ihres kurzen Lebens. Janet ist „anders“, kein Mädchen, wie man es sich gewünscht hätte. Janet hat wilde ungezähmte Haare. Sie ist introvertiert, tagträumend, tollpatschig und in ihrer eigenen Welt, und scheitert dabei, sich der Welt anzupassen. Janet liebt Sprachen, liest Bücher und Gedichte, die sie auch auswendig lernt. Sie liebt die Natur und adoptiert verletzte Tiere („Hier gab es Trost, hier gab es Verbundenheit.“). Mit ihren Geschwistern kann sie Janet nichts anfangen und ihre Eltern verstehen sie nicht und finden ihr Verhalten oft problematisch. Es ist eine Kindheit am Ende des 1. Weltkrieges, in der die Erziehung durch Kindermädchen und mittels Abführmittel und Schlägen erfolgt. Die Eltern sind der Meinung, „dass ein Mädchen die minderwertige Version eines Jungen sei“. Janets einzige Verbündete ist lange Zeit ihre verwitwete Tante, die in einem Zimmer des Schlosses einem eigenwilligen und geisterhaften Lebensstil nachgeht, bevor man sie irgendwann in eine Anstalt einweist. Für Janet auch ein abschreckendes Beispiel dafür, was mit Frauen passiert, die nicht in die Familie passen.

Der Vater verwandelt das Schloss Auchnasaugh, in dem die Familie lebt, in eine Jungenschule. Janet ihre Kindheit und Jugend verbringt, umgeben von einer Horde mehr oder weniger pubertierender Jungs. Als sie selbst in die Pubertät kommt, wird sie ob ihrer körperlichen Veränderungen verlacht, aber auch belästigt. Zur ultimativen Außenseiterin wird sie erst, als man sie auf eine Mädchenschule schickt, wo sie sich gar nicht mehr zugehörig fühlt und anpassen kann. Ihre Bildung macht sie trotzig und hochmütig, und sie wird von anderen Schülern gemieden und verspottet.

 „Sie hatte ihnen das Leben verleidet“

Innere gleich äußere Landschaft

In dem Roman schildert Elspeth Barker gekonnt die Landschaften Schottlands, so dass man beim Lesen meint, den starken Wind durch die Bäume pfeifen zu hören und das nasse Moos nach einem Regen zu riechen. Die ungezähmte und wilde Natur spiegelt Janets Innenleben („In dem Moment war ihr, als konnte die Natur Caledonias kein Erbarmen und als wäre ihre eigene Natur nicht besser.“). Als Janet noch ein Kind ist, ist es bildlich auch die Welt eines Mädchens mit Ängsten vor Hexen und Geräuschen. Tiere werden zu ihren Freunden. Fremd wird sie erst, wenn andere Menschen dazukommen.

Das Buch hat einen düsteren, rauen Charakter, transportiert von einer gekonnt eingesetzten Sprache. Das Buch bringt immer wieder komische Szenen hervor, zum Beispiel, wenn Janet ihr Geschwisterchen im Kinderwagen unter Erde begräbt. Die Szenen haben gleichzeitig auch immer etwas Tragisches, so etwa hier, wenn Janet eigentlich nicht richtig mit einem Baby umzugehen weiß und man sich den Schreck der Erwachsenen vorstellt. Beim Lesen wollte ich aber Janets Leben folgen und fand es dann doch schade, nicht mehr erfahren zu können, wie sie als Erwachsene gewesen wäre, ob sie sich hätte ein Leben einrichten können. Dafür währte ihr Leben zu kurz.

Elspeth Barker: O Caledonia. Uebersetzt von Verena von Koskull, Berlin Verlag, 2026

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