„Ich hatte den größten Teil meines Lebens geglaubt, eine Buchseite sei ein Fenster. Dann hatte ich erfahren, dass eine Buchseite ein Spiegel ist.“ (Gerald Murnane „Inland“)
Der australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt als eine rätselhafte und unterschätzte Figur in der zeitgenössischen Literatur. Sein introspektiver und tiefgründiger Stil hat ihm eine treue Leserschaft beschert und er wird von Kritikern und Kollegen hochgeschätzt. Er steht aber weniger im Rampenlicht als andere Autoren, da er ein sehr zurückgezogenes Leben führt und Medienauftritte und Interviews meidet und nur selten an literarischen Veranstaltungen teilnimmt. Ich bin durch die Beschäftigung mit Ben Lerner, der über Murnane geschrieben hat, auf ihn aufmerksam geworden und war sehr neugierig auf das Werk Gerald Murnanes und habe deshalb ein Leseprojekt gestartet, um in seine Welt einzutauchen. Auf Deutsch sind bisher nur wenige seiner Werke, alle in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt bei Suhrkamp, erschienen. Und so möchte ich als Ergebnis meines Projektes die drei Werke „Die Ebenen“, „Inland“ und „Landschaft mit Landschaft“ vorstellen.

In dem Roman “Die Ebenen”, Gerald Murnanes bekanntestem Werk, spielt in einem Land, das Australien ähnelt, und beschreibt die rätselhafte Verbindung der Bewohner zu ihrer Landschaft und der Kunst. Es wird durch die Augen eines namenlosen Filmemachers beschrieben, der in das Land gereist ist, um eine Dokumentation über die Geschichte und Kultur der Ebenen zu drehen („Als ein Filmemacher bin ich bestens ausgerüstet, um diese Landschaft zu erforschen und sie anderen zu enthüllen“). Mit zunehmender Handlung passt er sich an und wird er immer mehr hineingezogen in die eigenartige Weltanschauung der exzentrischen und zurückgezogenen Landbesitzer und die weite und geheimnisvolle Landschaft der Ebenen. Die Bewohner der Ebenen (Plainsmen) sind von abstrakten intellektuellen Beschäftigungen und Ritualen besessen, wie metaphysischen Überlegungen zu ihrer Landschaft, den Bedeutungen ihrer Traditionen und der symbolischen Kraft ihrer Umgebung und Kosmologie.

In dem Roman geht es Gerald Murnane nicht um das Vorantreiben der Handlung oder die Entwicklung der Charaktere, sondern er erforscht stattdessen Themen wie Isolation, künstlerischen Ehrgeiz, kulturelle Identität und die Natur des Verstehens. Er benutzt dabei eine knappe und poetische Sprache, um die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung sowie die Art und Weise, wie Landschaften persönliche und kollektive Identitäten prägen, zu untersuchen. Dabei hat mich das Buch stark an „Das Ufer der Syrten“ von Julian Gracq erinnert. So wie bei Murnane die Ebenen als eine Leinwand für die Welt der innerlichen Erforschung steht, ist bei Gracq die gegnerische Küste eine Metapher für das Feindesgebiet, mit seinem unerfüllten Sehnen und dem Warten auf Veränderung. In beiden Werken gibt es keine klassische Handlungsentwicklung, sondern es geht um die Atmosphäre und philosophische Reflexionen. Über Kultur, Kunst bei Murnane, über die Zeit und Geschichte und die menschliche Existenz. Auch in beiden Werken leben die Bewohner in einem isolierten Land, mit großem Widerstand gegen Veränderung. In „Die Ebenen“ haben die Landbesitzer die Macht und damit die kulturelle Dominanz, in „Das Ufer der Syrten“ sind es Adlige mit veralteten Traditionen, deren Macht nur durch das Warten auf den unvermeidbaren Kampf aufrechterhalten wird. Beide Hauptfiguren sind Außenseiter. In „Die Ebenen“ kommt die Hauptfigur von außen in die abgeschlossene Welt der Ebenen und versucht sich in den Gebräuchen und deren Bedeutungen zurechtzufinden, in „Das Ufer der Syrten“ wird die Hauptfigur zunehmend isoliert, als er über den gesellschaftlichen Stillstand und die geheimnisvollen Rituale nachdenkt. In beiden Werken gibt es zudem viel Raum für Mehrdeutigkeiten und Interpretation der Figuren und ihrer Welten, erzählt in einer sich selbstreflektierenden und mit Symbolen gespickten Sprache.
Der Band „Landschaft mit Landschaft“ vereintverschiedeneErzählungen Gerald Murnanes zum Thema Landschaft. Erzählt werden zum Beispiel die imaginierten Landschaften eines Erzählers; eine Erinnerung an einen Jungen, der, wie Jack Kerouac, Schriftsteller werden möchte; an einen Australier der in Paraguay lebt und dessen Sohn stirbt; und ein junger Basketballspieler, der Priester werden will und es dann doch nicht wird. Wie auch schon in „Die Ebenen“ sind die Handlungen nicht das wichtigste Element der Erzählungen. Wichtiger ist es zu verstehen, wie viele Bedeutungen von Landschaft Murnane in jeder Geschichte, die ein Ich-Erzähler erzählt, kreiert.
Es gibt die Landschaften, von denen die Erzähler träumen, wohin sie jedoch nicht aufbrechen, um sie zu sehen oder gar dort zu leben. Sie bleiben immer an ihrem Ort, trotz Einladungen andere Orte zu besuchen oder zu bewohnen, und ja auch wenn sie manchmal lokal umziehen, um das gewohnte Leben weiterführen, mit viel Alkohol. In der Paraguaygeschichte gibt es den raren Fall, dass der Erzähler doch umgezogen ist. Er ist von Australien nach Paraguay gegangen und will dann möglichst wenig mit Paraguay zu tun haben. Es gibt die inneren Landschaften der Erzähler, die sie lesend und träumend durchschreiten. Sie haben einerseits ein Interesse, auch die verborgenen, dunkeln Seiten (z.B. Sexualität), die Erinnerungen zu erforschen. Andererseits bringen sie dafür ihre ganze Konzentration auf. Und da die anderen Figuren eher dem Leben zugewandt sind und sich nicht allzu tief erforschen, unterscheidet und isoliert es die Figuren. Die Erzähler haben etwas Gefangenes, manchmal Zwang- oder Wahnhaftes.

In manchen Geschichten wohnt der Erzähler bei Anderen, oder er hat Frau und Kinder. Aber oft geht das Erforschen der Landschaften mit einer Art mönchischen Rückzug von der Welt einher und die Erzähler bleiben allein. Es wirkt so, als würden die Figuren nur ein Zipfel des Lebens greifen, aber sie scheinen nicht daran zu leiden. Eher als seien sie Figuren in einem imaginierten Leben („Ich handelte und dachte damals wie eine Figur- vielleicht bereits von der Ironie eines Autors überdeckt – in einem Werk, vergessen in den Hintergassen der Fiktion.“).
Die Erzähler arbeiten immer an einem schriftstellerischen Werk. Sie verbringen ihre Zeit mit Schreiben, Lesen und dem Nachdenken über das Schreiben. Sie scheinen aber kein Autorenleben mit Publikationen, Lesungen anzustreben, zu stark bleibt das Bedürfnis des Für-sich-Schreibens und des Landschafterkundens („wie wenig Hoffnung ich habe, eine publizierbare Prosa zu schreiben, weil ich, sobald ich eine Erzählung oder einen Roman beginne, mein Thema aus dem Blick verlöre und Seite um Seite schriebe, um zu erklären, was mit mir als Schriftsteller nicht stimme, dass ich nämlich kaum Leute und Dinge um mich herum bemerke, weil ich immer nach einem Idealschauplatz suche, der dunklen Orten in meinem Gedanken entspricht.“). Ein häufiges Motiv sind dabei Gespräche der Erzähler mit Frauen, denen die Erzähler ihre Landschaften erklären und aufzeigt. Wenn die Frauen sich interessiert und verständnisvoll zeigen, streben die Erzähler sehnsüchtig eine Beziehung an, die sich meist nicht erfüllt.
Die Geschichten zeichnet ein aufrichtiges Interesse am Innenleben und eine Feinfühligkeit des Beobachtens aus. Die Zeit scheint oft nicht zu vergehen. Es gibt wenig Handlung, ohne dass es beim Lesen langweilig werden würde. Dafür benutzt Gerald Murnane kunstvolle Verschachtelungen von Gedanken und Beobachtungen. Am Ende einer Geschichte verweist er auf die Nächste. Wiederholt verwendet er die Motive Alkohol, Hemmungen im Umgang mit Frauen, Nachdenken über Rolles der Sexualität, Ansehen des Berufes und Erinnerungen.
Als Letztes habe ich das Werk „Inland“ gelesen. Es ist von den drei Büchern das, in welches ich nur schwer hineingekommen bin. Die Handlung ist nicht ganz einfach zusammenzufassen, sie besteht eher aus verschiedenen Elementen. Der Erzähler sitzt in Australien in seinem Zimmer und ersinnt einen ungarischen Landedelmann, der in einem Zimmer mit großer Bibliothek sitz und sich schreibend mit Natur, Landschaften, und Literatur befasst. Er schreibt Briefe an seine Lektorin in der South Dakotas, in denen es um sein Schreibprozesse geht. Sie verbindet beide, im Grasland zu leben. Irgendwann löst sich die Handlung auf, es überlagern sich Zeitebenen und Orte. Das zu entwirren fand ich irgendwann unmöglich, habe mich doch dann aber an einzelnen Elementen erfreut. So erforscht Murnane die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins („Ich würde schließlich zu einem Wissenschaftler meines Schreibens werden“), den Grenzen zwischen den inneren und äußeren Räumen, dem Erlebten, Ausgedachten (Schreiben), Geträumten und dem Erinnerten. Er verfeinert dabei seine Wahrnehmung, aber zu dem Preis, dass er sie immer weiter auf sein Thema einschränkt.

In dem Projekt habe ich einen Schriftsteller kennengelernt, der die Komplexität des menschlichen Bewusstseins und der Landschaften, die es prägen, erforscht. In den Erzählungen erklärt Murnane, dass er seinen Stil als Prosafiktion bezeichnet („weder Kurzgeschichte noch Roman -, deren Gestalt den Mustern meines Lebens entspräche“), was man heute autofiktional nennt. Dabei ist ein Schreiben aber viel stärker fokussiert, auf die Elemente Ort/Landschaften, Erinnerung, und Bewusstsein als bei anderen autofiktionalen Autoren, in denen es oft um die eigene Biographie geht. Man spürt in Murnanes Büchern den konsequenten Hang des Autors und seiner Figuren, das Leben denkend und schreibend zu behandeln, wobei diese Prozesse im Leben so einen großen Raum einnehmen, dass wenig Platz für andere Elemente des Lebens (Fühlen, Beziehungen zu anderen Menschen etc.) ist. Dass die Resultate aber nicht klein und eng, sondern intellektuell reich und faszinierend sind, mag einen als Leser dann fast wieder überraschen. Vielleicht ist es auch andersherum, dass das intensive und reiche Denken hier den entsprechenden introspektiven und tiefen Fokus benötigte, um sich voll zu entfalten. Und vielleicht kann ein Schriftsteller wie Murnane, der ernsthaft an Menschen interessiert, diese Elemente nur an sich erforschen, da nur er nur in ausreichendem Masse zur Verfügung steht. Die Lektüre Murnanes ist anregend und zuweil auch ermüdend, vor allem durch die Wiederholungen, und benötigt Konzentration, aber vor allem lohnend.
Gerald Murnane: Landschaft mit Landschaft. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt, Suhrkamp Verlag, 398 Seiten
Gerald Murnane: Die Ebenen. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt, Suhrkamp Verlag, 152 Seiten
Gerald Murnane: Inland. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt, Suhrkamp Verlag, 270 Seiten
Julien Gracq. Das Ufer der Syrten. Aus dem Französischen von Friedrich Hagen. Klett-Cotta. 358 Seiten
