Édouard Louis: Die Befreiung der Mutter

Persönliche und theoretische Erkenntnissuche

Die Bücher von Édouard Louis, so hat er es selbst einmal ausgeführt, weichen immer von der vorherrschenden Auffassung ab, wie Literatur sein sollte. Seine Literatur will die Welt nicht nur illustrieren, sondern erklären. Ihn geht es vor allem um die Erklärung und das Verstehen seiner Biographie und Herkunft. Das ist die Bedeutung und der Zweck seines Schreibens.

Louis stammt aus einem Dorf in Nordfrankreich und ist dort in unsicheren und instabilen Familienverhältnissen aufgewachsen. Er erfährt Gewalt in der Familie und als queerer Mensch Mobbing in der Schule. Er geht aus dem Dorf fort, zuerst aufs Gymnasium, dann nach Paris zum Studieren, ändert seinen Namen und wird schnell zu einem erfolgreichen Autor und Intellektuellen. Louis literarischen Auseinandersetzungen schließen auch Beschreibungen von Familienmitgliedern mit ein.

In seinen Büchern beschreibt Louis seine biographischen Erfahrungen, ohne Gefühle auszusparen. Er thematisiert dabei Armut, Homophobie, und Gewalt, beschreibt, was gesellschaftliche Identität ausmacht und zeigt an seinem eigenen Leben, das diese Identität nicht unveränderlich festgeschrieben sein muss. Seine Texte sind auch politisch. So prangert Louis systemische Ungerechtigkeiten an und fordert gesellschaftliche Veränderungen. Es sind Texte, über die ich viel nachdenken muss und mir oft Textstellen anstreiche.

In den beiden Büchern, die ich von ihm vorstellen möchte, hat er das Thema seiner Mutter gleich zweimal bearbeitet. Die Bücher haben aber jeweils eine eigene Perspektive auf das Leben der Mutter. Es geh um ihre Befreiung.

Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau

In dem Band „Die Freiheit einer Frau“ beschreibt er das Leben seiner Mutter in seinem Heimatdorf und wie sie nach 20 Jahren aus diesem Leben ausbricht. Die Mutter wird jung schwanger, bricht ihre Ausbildung und wird Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. Sie hasst ihren Mann, einen Alkoholiker. Sie verlässt diesen Mann und lernt Eddies Vater kennen. Die Geschichte wiederholt sich. Der Mann trinkt und behandelt die Mutter und die Kinder schlecht. Sie wird nochmals schwanger. Als der Vater in der Fabrik einen Unfall hat und mit Schmerzen zu Hause bleiben muss, arbeitet die Mutter als Pflegerin, eine Tätigkeit, die sie hasst. Die vielköpfige Familie hat wenig Geld und die Mutter dauernde Sorgen deswegen.

Was die Geschichte der Mutter ausmacht, ist, dass sie sich nicht entfalten kann. Sie kann nicht studieren, nicht ihren Führerschein machen, ist verdammt dazu, den Haushalt zu machen, den Mann zu versorgen, sich um die Kinder zu kümmern, zu arbeiten. Ihr Alltag ist ereignislos und geprägt von Langeweile und Überdruss, Mühen und Sorgen und der mangelnden Unterstützung und der Gewalt durch den Vater. Louis Mutter hat keine eigene Geschichte. Aber eines Tages beschließt seine Mutter, dass sie das Leben in der Form nicht mehr leben möchte und schreibt ihre eigene Geschichte. Sie verlässt ihren Mann und zieht nach Paris. Sie ist frei.

„Endlich werde ich glücklich sein“

In dem Band erzählt Louis auch die Geschichte seines Verhältnisses zu seiner Mutter. Als er auf das Gymnasium nach Amiens geht, was ihn, wie er in früheren Büchern schildert, in Kontakt mit bürgerlichen Familien bringt, distanziert er sich von der Mutter. Er zeigt betont neue Verhaltensweisen, drückt sich gewählter aus. Aus Scham hält er die Mutter von der Schule fern. Louis geht zum Studieren nach Paris, und die Distanz zur Mutter wird grösser. Er sieht ihr Leben wie durch ein Fernglas: die kleine Welt der Mutter. Ihr Verhältnis zueinander ändert sich, als sie ihren Mann verlässt. Sie nähern sich wieder einander an, sie telefonieren, und treffen sich in Paris, wo er ihr die Stadt in allem Glanz zeigt. In der Rückschau erkennt Louis, dass das Leben der Mutter auch hätte anders gewesen sein können, dass aber die Gesellschaft, die Männerwelt und vor allem der Vater selbst sie in dieser Rolle gehalten hat, bis sie sich aus eigener Kraft daraus befreit hat. Er nimmt die Mutter damit als Ganzes, mit seinem Herzen und seiner Persönlichkeit wahr.

Édouard Louis: Monique bricht aus

Der Band „Monique bricht aus“ knüpft an den vorangegangenen Band an. Die Mutter war zu einem neuen Mann nach Paris gezogen, der, so stellte sich heraus, nicht anders als ihr Vorheriger war. Auch dieser Mann trank, beleidigte und beschimpfte sie. Diesmal geht ihre Befreiung aber schneller und ist radikaler. Sie flieht von dem Mann, in Louis Wohnung, der zu der Zeit in Athen weilt und ihre Flucht am Telefon begleitet. Die Mutter ist zuerst orientierungslos und muss sich ihr Leben wiederaufbauen. Louis hilft ihr dabei per Telefon sich einzurichten, zeigt ihr zum Beispiel, wie man einen Computer bedient. Die Mutter entspannt sich zunehmend in der neuen Situation der Unabhängigkeit und macht erstmals nur das, woraus sie gerade Lust hat. Louis hilft ihr, immer noch aus der Ferne, eine eigene Wohnung zu finden (ein Haus mit Garten, in der Nähe der Schwester), hilft beim Möbelkauf und unterstütz sie finanziell. Als Louis zurück in Paris ist, hilft er ihr beim Umzug.

„Sie hat gewonnen.“

In dem Buch beschreibt Louis, wie sich die Beziehung der Mutter noch vertieft und sie sich wieder sehr nah kommen. Louis begleitet seine Mutter und hilft ihr aktiv in dem Prozess der Unabhängigkeitswerdung. Er kann dabei auf seine Erfahrung seiner eignen Befreiung als Jugendlicher zurückgreifen. Auch nach dem Wegzug der Mutter ins eigene Haus bleiben sie in Kontakt treffen sie sich regelmäßig in Paris.

Eine bedeutende Episode ist, wie er seine Mutter mit zu einer Theateraufführung des Stücks „Die Befreiung der Frau“ mitnimmt. Nicht nur, dass diese Reise ein bedeutender und spannender Schritt ins Unbekannte für sie ist, sie geht zusammen mit Louis nach der Aufführung auf die Bühne und zeigt sich dem Publikum. In dem Moment nimmt sie die Geschichte ihres Lebens, die gerade auf der Bühne gezeigt wurde, und ihrer selbstgewählten Befreiung, komplett an und damit auch das Werk ihres Sohnes, der es geschildert hat. Am Ende des Buches berichtet Louis, dass es die Mutter war, die ihn zu dem zweiten Buch überredet hat. Er soll darin zeigen, dass sie sich entwickelt hat. Sie hat es geschafft.

Der Band „Die Freiheit einer Frau“ wurde von Hinrich Schmidt-Henkel und der Band „Monique bricht aus“ wurde von Sonja Fink aus dem Französischen übersetzt. Beide Bücher sind im Fischer Verlag erschienen.

Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Fischer Taschenbuch, 94 Seiten

Édouard Louis: Monique bricht aus. Aus dem Französischen von Sonja Fink. Fischer Verlag, 154 Seiten

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