Die Unmöglichkeit dessen – Dragica Rajčić Holzner: Glück und Liebe um Liebe

Dragica Rajcic Holzner: Glück
Dragica Rajcic Holzner: Liebe um Liebe

 „…es gibt eine Wahrheit, welche man selber nicht ertragen, nicht in sich tragen kann, ohne verrückt zu werden. Man kann lieben, was man nicht bekommt, und man kann hassen, was man liebt. Die unglücklichen Kinder entwickeln grosse Fantasien.“

In den beiden Bänden „Liebe um Liebe“ (Matthes & Seitz) und „Glück“ (Der gesunde Menschenversand) von Dragica Rajčić Holzner geht es um die Unmöglichkeit Liebe wischen den Menschen zu finden, um die Unmöglichkeit Glück im Leben zu erfahren und auch um die Möglichkeit, dafür eine Sprache zu finden.

In beiden Büchern werden kurze autofiktionale Episoden erzählt, immer Jahre überspringend. Ana Jagoda wächst in dem kroatischen Dorf Glück auf. Ihre Kindheit ist geprägt von Armut und Gewalt. Sie schildert ihre erste Liebe mit ihrem Cousin und ihre ungewollte Schwangerschaft. Sie lernt, noch in der Schule, Igor kennen, der von ihrer Familie auf Grund seiner Herkunft abgelehnt wird. Mit Igor flieht Jagoda und versucht sich eine Zukunft aufzubauen. Das Kind treibt sie heimlich ab. Ihre Familie drängt sie zur Heirat mit Igor, von dem zunehmend klar ist, dass er seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, trinkt und zu Gewalttätigkeiten neigt. Jagoda flieht mit Igor zusammen nach Chicago, wo Igors Verhalten sich immer mehr verstärkt und die Ehe verloren ist. Jagoda arbeitet zu Hause und versucht nebenbei zu schreiben. Nach einem Mordversuch, bei dem Igor ihr ein Messer an den Hals setzt, flieht sie ins Frauenhaus. Es wird noch geschildert, wie sie nach Kroatien zurückgeht, mit dem Krieg wieder nach Chicago flieht und ihr neues Leben findet.

Beide Bände „Liebe um Liebe“ und „Glück“ handeln von den gleichen Episoden aus dem Leben Ana Jagodas. Manchmal sind Satzteile und Metaphern wörtlich übernommen. In dem Roman „Liebe um Liebe“ geht es mehr um die Herkunft, das Atmosphärische, während das Spoken Word Glück mehr direkt das innere Erleben, Dialoge und Szenen wiedergibt.

Die Texte verhandeln mehrere Themen. Es geht zum einen um das Glück. Dabei eher um die Abwesenheit von Glücklichsein. Orte, an denen es keine Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen gibt, diese ignoriert oder aktiv übergangen werden. Es geht um Leben, die von Arbeit und Mühe geprägt sind. Um die Liebe, die kalt und gewalttätig, oder als Inzest verboten ist. Um Familien, die keine Sicherheit bieten, die voll Misstrauen und Vorurteilen sind, die Geheimnisse bergen, von Krankheiten, Selbstmord und Alkoholismus gezeichnet sind. Von Kindern, aus denen entweder Abtreibungen oder, wenn man sie behält, noch mehr Arbeit und Armut erwächst. Von Priestern, die Kinder missbrauchen, was auch Jagoda erlebt, als sie einem Geistlichen ihre ersten Gedichte vorträgt. Und die Texte handelt davon, dass das Unglück in den Familien von Generation weitergeben wird oder, durch das Eingehen von Beziehungen noch verstärkt wird.

Es geht aber auch um die Flucht als Thema. Zuerst die Flucht Jagodas mit Igor vor ihrer Familie, dann nach Chicago und dann die Flucht vor Igor ins Frauenhaus. Es geht darum, dass mit Jagoda es eine in der Familie gibt, die sich nicht mit dem Vererben des Unglücks abfinden kann, die anders leben möchte, die Sprache und Texte liebt. Und auch wenn die Fluchten ihr Leben zuerst noch enger und unmöglicher machen, bleibt sie bei sich und handelt. So ist der Text neben der Beklommenheit auch immer optimistisch.

Die Texte handelt nicht zuletzt auch von der Suche nach einer eigenen Sprache. Zu Sprechen in einer Welt, in der die Figuren meist sprachlos sind. Männer, die trinken und verstummen, oder ihre Angst und Sorge nur in Schlägen ausdrücken können. Großmütter, die sich hinter Floskeln flüchten. Sprache, die auch trotz des Erlebten nicht verstummt und nach Ausdruck sucht. Und Dragica Rajčić Holzner findet dafür eine Sprache, die gebrochen ist. Oft verkürzte, manchmal fehlerhafte Sätze. Sie lässt Artikel weg oder verwechselt Worte (z.B. „Eingebettete“ statt Angebetete) und andere grammatische Fehler. Dazu kommen noch Schimpfworte und Worte und Sätze in kroatischer Sprache. Dies gibt den Texten, in „Glück“ noch stärker als in „Liebe um Liebe“, den Anstrich, als habe sich Dragica Rajčić Holzner die Sprache erst rudimentär angeeignet. Umso mehr treffen dann ihre Metaphern und Vergleiche. Ihre Sprache ist bildreich. Oft werden Gerüche geschildert und verstärken Momente der Aversion. Manchmal werden Szenen aus der Sicht des Kindes geschildert („In die Geldtasche hatte Vater mein Gesicht gesteckt“), wie man es auch von Bora Ćosić kennt, dann wieder herrscht eine distanzierte, erwachsene Perspektive („Meine Augen füllten sich mit Tränen. Die abtrocknende Mutter merkte nichts, weil sie nur für die Einrichtung des Kindes nach außen hin zuständig war und tausend Sachen zu tun hatte, welche zu tun waren an dem Sommermorgen des glücklichsten Tages meines Lebens“). Es ist diese Sprache, die dem Unmöglichen ihren Ausdruck verleiht und das Lesen der beiden Texte zu einem großen Vergnügen macht.  

Dragica Rajčić Holzner: Liebe um Liebe, Matthes & Seitz, 167 Seiten

Dragica Rajčić Holzner: Glück, edition spoken script 34, Der gesunde Menschenversand, 219 Seiten

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