
„Wenn einem der Hintern brennt, wird aus jedem ein Dichter“
Ich muss gestehen, ich hatte nicht vor, über das Buch „Unser Deutschlandmärchen“ von Dinçer Güçyeter einen Blogbeitrag zu schreiben. Ich war auf einer Lesung von Dinçer Güçyeter auf dem lesen.hören Literaturfest in Mannheim und ich hatte mir das Buch hingelegt, um es bei Gelegenheit zu lesen. Das schon. Aber das Buch, für das Dinçer Güçyeter den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hatte, hat viel Aufmerksamkeit und ich dachte, dass es nicht noch einen zusätzlichen Beitrag von mir braucht. Jetzt habe ich es gelesen und möchte doch über das Buch schreiben.
In dem autobiographischen Roman, herausgegeben von mikrotext, erzählt Dinçer Güçyeter sein Aufwachsen und später Schriftstellerwerden in einer Familie, die aus der Türkei in die Bundesrepublik eingewandert ist. Er erzählt aus Sicht unterschiedlicher Personen. Die Mutter Fatma erzählt, welches Leben sie in der Türkei hinter sich gelassen hat und wie sie in der Bundesrepublik ankommt; berichtet von den Schwierigkeiten, sich in einem fremden Land zurechtzufinden; aber auch von Mut, Stärke und dem Stolz, sich in dem neuen Land ein eigenes Leben aufzubauen. Sie schildert, wie schwer es ihnen die deutsche Gesellschaft macht, sie zu akzeptieren, die als „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ gegen die Annahme verstoßen, dass sie nur zum Arbeiten da sind und sonst keine Bedürfnisse haben und keine Wurzeln schlagen werden.
Der Sohn Dinçer erzählt, wie die Herkunft innerhalb und außerhalb der Familie zum ewigen Thema wird, wie er als Dolmetscher für die Familien eingespannt wird, wie er im Kindergarten eine unterschiedliche Behandlung im Vergleich zu anderen Kindern erfährt. Wie er fremd bleibt bei den Kindern, deren Sprache er zu sprechen lernt, aber auch fremd ist, wenn er während der Ferien in die Heimat der Eltern fährt. Er berichtet, wie er eine Ausbildung in einer Fabrik beginnt, weil doch nur ehrliche Arbeit für die Mutter zählt, dabei doch eine große Empfindsamkeit und die Liebe zur Sprache in sich trägt. Es zieht ihn zum Theater, er beginnt zu schreiben, und gründet einen Verlag.
Meine Überraschung beim Lesen war, dass in dem Buch in dem ich etwas über das Leben von Einwanderern erfahren wollte, mir sofort vieles so vertraut vorkam. Und das ist auch, was mich an dem Buch so bewegt hat und warum ich etwas darüber schreiben wollte.
Dinçer Güçyeter und ich sind fast gleich alt, wie ich in dem Buch erfahre, haben aber völlig verschiedene Biographien. Ich habe, bis zum Mauerfall, einen Großteil meiner Kindheit in einer Kleinstadt in der DDR verbracht, habe dann das Abitur in der Bunderepublik gemacht und bin dann zuerst zum Studieren und dann zum Arbeiten ins Ausland gegangen. Aber mir kam gleich so vieles bekannt vor. Nicht nur der unförmige Kinderwagen auf den schwarz-weiss Fotos, die im Buch sind, und den wir nachweislich eigener Fotos so ähnlich auch hatten. Ich teile auch die Erfahrung der zentralen Rolle der Mutter, die für die Familie hart und aufopfernd arbeitet und die ihre eigenen Lebenswünsche hintenanstellen musste. Arbeit, die für das Auskommen der Familie oft gerade so reichte. Meine frühe Liebe zu Sprache und zu Büchern. Und irgendwann das wachsende Bedürfnis, sich zu entwickeln und fortzugehen. Wie Dinçer Güçyeter schildert, dass er den rauen Umgang in der Fabrik ablehnt und in den Pausen lieber in Büchern verschwindet, habe ich, als ich während des Studium noch auf Baustellen gearbeitet habe, genauso auch erlebt.
Ich teile auch die verwirrende Erfahrung, die es bedeutet, dass aus der Kindheit gewohnte Leben hinter sich zu lassen und die Klasse zu wechseln. Für die Familie ein Fremder zu werden, dessen Leben nicht verstanden wird und das nicht zu funktionieren scheint, obwohl man schon Erfolg und Anerkennung erfährt, da es nicht die bekannten Dinge wie frühe Familie, ein Haus hervorbringt. Ich kenne auch das mühsame Erlernen neuer Verhaltensregeln, das Bemühen um soziale Ähnlichkeit, die Zumutungen von Auswahlprozessen, und wie man sofort die unterscheiden kann, die das von zu Hause alles mitbringen von denen, die sich alles mühsam aneignen mussten. Die Irritation über das neue Milieu, in dem es oft um Maximierung des eigenen Vorteils geht, und das mit Kultiviertheit nur leicht kaschiert ist.
„Bis man seine eigene Sprache findet, kann es Jahre dauern. Manchmal kann auch ein ganzes Leben zu kurz dafür sein.“
Und letztlich geht auch darum, die eigene Lebensgeschichte anzuerkennen und zu integrieren. Die Befriedigung, die es bringt, seinen Weg selbstbestimmt zu gehen. Für die Schilderung der zwei Generationen überspannenden Erfahrung von Migration hat Dinçer Güçyeter seine eigene Sprache gefunden. Und so ist das Buch, in dem ich mich gut spiegeln konnte, in vieler Hinsicht auch eine persönliche Bereicherung. Und so ist dieser Text auch kein normaler Blogbeitrag geworden.
Dincer Güçyeter: Unser Deutschlandmärchen. Mikrotext, 213 Seiten.
