Die unmögliche Ehe zu viert: Sonia Simmenauers Liebeserklärung an das Streichquartett

Wer jemals ein Streichquartett auf der Bühne gesehen hat, kennt diesen Moment: Vier Menschen sitzen im Halbkreis, Stille und Konzentration, und plötzlich verschmelzen die Musiker zu einem einzigen Organismus. Sie kommunizieren wortlos, atmen synchron. Das Publikum hört gebannt. – Was passiert, wenn vier individuelle Menschen beschließen, nicht nur ihr Leben und ihre Kunst, sondern auch große Teile ihres Lebens und Alltags jahrelang zu teilen, beschreibt Sonia Simmenauer in „Muss es sein? Leben im Quartett“.

Sonia Simmenauer hat als Konzertagentinnen über Jahrzehnte bedeutende internationale Streichquartette, darunter das Alban Berg Quartett, das Hagen Quartett oder das Artemis Quartett begleitet. Neben ihrer engagierten Arbeit, versucht sie dabei auch die Mechanik der Streichquartette als Lebensform, die Simmenauer als „Ehe zu viert“ beschreibt, zu verstehen. Herausgekommen ist eine psychologische Studie, eine Sammlung von Anekdoten und eine philosophische Reflexion über eine Lebensform.

Das Quartett als Lebensform

Im Titel wirft Sonia Simmenauer die Frage auf „Muss das sein“. Warum nimmt man diese Strapazen auf sich? Warum entscheidet man sich für ein Leben, in dem die individuelle Freiheit zugunsten eines kollektiven Klangs geopfert wird? Simmenauer antwortet darauf mit einer Mischung aus Bewunderung und sanfter Ironie, dass es für bestimmte Musiker einfach sein muss. Nicht Jeden reizt das exponierte und unsichere Leben als Solist und auch nicht Jeden lockt die sichere, aber mit der Zeit durch Routinen eingeschränkte Rolle des Orchestermusikers. Das Streichquartett ermöglicht eine hohe Form der künstlerischen Freiheit, in der sich jeder Musiker in die Interpretation der Stücke und die Entwicklung der Karriere einbringen kann. Aber diese Form hat auch ein paar Besonderheiten und Einschränkungen mit sich.

Simmenauer beschreibt, wie Streichquartette gegründet werden und dann zusammenfinden. Es festigen sich die Rollen der Mitglieder (z.B. als Organisator oder Kommunikator) und charakterliche Eigenheiten kommen zum Tragen. Das Ganze ist aber nicht statisch, da sich die Mitglieder und auch ihre Lebensumstände über die Zeit verändern und damit die Dynamik des Ensembles. Manchmal hört auch ein Mitglied auf oder fällt aus und muss ersetzt und integriert werden. Es ist aber immer eine Ganz-oder-gar-nicht-Entscheidung, die die Musiker treffen müssen.

Sie schildert auch, wie Stücke ausgewählt werden, auch mit Blick auf die jeweilige Spielsaison, die Vorstellungen der Veranstalter und die Vorlieben oder Abneigungen der Mitglieder. Besonders amüsant und zugleich etwas beklemmend sind ihre Beobachtungen, wie Interpretationen erarbeitet werden. Sie schildert Szenen, wie über Details vehement gestritten wird. Es ist ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen der Spielpraxis, dem eigenen künstlerischen Verständnis und der Notwendigkeit des Kompromisses. Und manchmal geht es auch darum, wie wann und unter welchen Umständen ein Streichquartett aufhören kann oder muss.

Kunst im Alltag

Mit viel Empathie, Feingefühl und auch Humor beschreibt Simmenauer, was das Leben im Streichquartett für die Mitglieder konkret im Alltag bedeutet. Es ist ein intensives, forderndes Leben. Ein Leben auf Reisen, ohne Glamour und Tourismus, dafür mit dem Privatleben abgestimmten Kalendern. Mit ständigen wechselnden Bedingungen der Spielorte, Proben, eventuell mit Lampenfieber. Der Druck Abend für Abend eine perfekte Darbietung abzuliefern. Und von den Reaktionen eines anspruchsvollen Publikums, das sehr oft aus Laienmusikern besteht.

Dazu kommen die psychologischen Besonderheiten. Sie sind zwar künstlerisch und finanziell eine Einheit, bestehen aber aus Individuen, deren Interessen sorgfältig austariert werden müssen. Die Musiker kennen sich sehr gut. Krankheiten, Beziehungen und Kinder, Umzüge usw. wirken sich immer auf die Gruppe und deren Arbeit aus. Man ist sich nahe, auch körperlich. Wer braucht dann wieviel Abstand und was benötigt er, um gut zu funktionieren.

Und hier ist Sonia Simmenauer als Konzertagentin immer aufs Neue gefordert. Sie verhandelt nicht nur mit den Veranstaltern, macht die Tourneepläne, sondern kümmert sich auch um die nicht ausbleibenden Notfälle und Krisen. Sie schildert, dass Forderungen der Musiker „nicht Divenallüren waren, sondern der schlichte – und manchmal der verzweifelte – Versuch, Bedingungen zu schaffen, um ihren Beruf mit großer Konzentration ausüben zu können. Am Ende liefern die immer auf der Bühne professionell ab.

Die Agentin als und Beobachterin

Sonia Simmenauer hat als Agentin einen wesentlichen Anteil an der langfristigen Existenz und an dem Erfolg, der von ihr betreuten Streichquartette. Sie übernimmt nicht nur die Organisation und Logistik des Ensembles, sondern hilft auch, die „selbstgewählte Gefangenschaft“ erträglicher zu gestalten. Man spürt den tiefen Respekt, den sie vor der Disziplin, der Hingabe und dem Können ihrer Schützlinge hat. Diesen Respekt zeigt sie auch im Buch, für das sie die Rolle der Beobachterin einnimmt. Ihre Berichte sind nie voyeuristisch oder indiskret, sondern immer klug, aufschlussreich und von Wohlwollen begleitet. Es ist nicht nur eine kluge Abhandlung für Klassik-Fans, schon vor einer Weile erschienen im Berenberg Verlag, sondern lehrt auch viel über die Dynamiken und das Ego-Management in Teams, die Hochleistung wollen. Es ist eine Einladung, beim nächsten Konzertbesuch nicht zu zuhören, sondern auch die Bemühungen zu schätzen, die diesen Genuss ermöglicht.

Sonia Simmenauer: Muss es sein? Leben im Quartett. Berenberg Verlag, 198 Seiten

Nachtrag: Der Berenberg hat angekündigt, im März 2026 zu schließen, was sehr bedauerlich ist. Der Verlag hat ein literarisch anspruchsvolles Programm verantwortet und Bücher in hochwertiger Ausstattung herausgebracht, die ich immer gern gelesen habe und die auch dieses Buch ermöglicht hat. 

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2 Kommentare zu „Die unmögliche Ehe zu viert: Sonia Simmenauers Liebeserklärung an das Streichquartett“

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