„Ausserdem bin ich kein Reporter. Ich bin Schriftsteller. Sie verlangen nicht von mir, die Wahrheit zu schreiben.“
Von Dany Laferrière habe ich alles gelesen, was bisher auf Deutsch erschienen ist, weil ich mag, wie er mit Sprache umgehen kann, er unterhaltsam, verspielt und witzig ist und dann haben seine Texte immer auch eine tiefere Ebene. Aus dem Französischen übersetzt von Beate Thill sind seine Bücher im Wunderhorn Verlag erschienen. Jetzt habe ich mir seinen Roman „Granate oder Granatapfel, was hat der Schwarze in der Hand“ vorgenommen.

Der erste Satz heißt „Das ist kein Roman.“ Und er schreibt gleich weiter, dass er dabei an Magrittes Ölgemälde „La trahison des images“ denkt, bei dem unter der Abbildung einer Pfeife steht „Dies ist keine Pfeife ist“. Und damit ist der Ton, wie das Buch einzuordnen ist, auf dem Roman außen draufsteht, gesetzt. Das Spiel beginnt.
Es beginnt damit, dass der Ich-Erzähler den Auftrag eines Magazins bekommt, für eine Spezialausgabe eine Reportage über die USA zu schreiben. Der Auftrag ist prestigeträchtig, da es sich um ein angesehenes Magazin der Ostküste handelt und auch finanziell gut ausgestattet wird. Und so erleben wir, wie der Schriftsteller über den Auftrag nachdenkt, und sich dann widerstrebend auf die Recherchereise macht und wen er dabei trifft und was er beobachtet und erlebt. Und nebenbei erfahren wir sehr viel über den Schriftsteller selbst.
Ich lerne den Schriftsteller, der sich ausdrücklich als Schwarzer Schriftsteller bezeichnet, kennen, wie er in Kanada im Exil lebt. In seiner selbstbestimmten Existenz genießt er große Freiheit und hat eine Menge Spaß, sie bedeutet aber auch Armut und manchmal Hunger. Und es könnte sich bei dem Schriftsteller um Dany Laferrière selbst handeln, denn es gibt lauter Bezüge zu seinem realen Leben. Wie Laferrière ist der Erzähler in Port-au-Prince, geboren und musste dann ins Exil gehen, zuerst nach Quebec und dann nach Montreal, wo er sich zuerst als Fabrikarbeiter betätigte, um dann zu schreiben. Sein erstes Buch ist gleich ein großer Erfolg und macht ihn bekannt. Und so ist es dann wie bei Magrittes Pfeife, ein Spiel z.B. beschreibt er Reaktionen auf den Titel seines ersten Buches „Die Kunst einen Schwarzen zu lieben ohne zu Ermüden“, was der Titel des Romans ist, der Laferrière schlagartig berühmt machte. Die geschilderten Reaktionen sind vermutlich fiktiv, dafür aber wahrscheinlich exemplarisch bis überzogen. Er schreibt, dass ihm der Titel damals unrecht war, obwohl erfolgreich, gibt dem jetzigen Buch aber einen ähnlichen Titel (wieder ein Spiel).
„Ich werde das Land weiter bereisen und frei alles aufschreiben, was ich sehe, und nicht das, was ich sehen soll.“
Dann beginnt die Recherchereise. Der Erzähler wollte erst nur in Gedanken reisen (und die Reisespesen für sich ausgeben) und hatte sich schon ein Bild von Amerika gebildet (noch ein Spiel). Er hat die Reise dann doch angetreten. Mit dem Bus, nach Süden durch das ländliche Amerika. Es folgen Portraits der Mitreisenden. Der Erzähler hat ein ausgesprochenes Talent, mit Leuten ins Gespräch zu kommen und so geben die vielen Dialoge gleich ein vielfältiges Bild zu einem Thema wieder. Der Erzähler hat auch eine Antenne für sexuelle Energie zwischen Menschen und in Situationen, was in Büchern nicht so häufig vorkommt.
Dann behandelt er kulturelle Schöpfungen der USA, von seinen Schriftstellern wie Jack Kerouac und Henry James, über das amerikanische Idyll, das materielle Leben, bis zum amerikanischen Traum, es im Leben zu etwas zu bringen. Die Gedichte Walt Whitmans begleiten und beschäftigen ihn dabei durch die Reise und das Buch. Und so ist es, dass ich denke etwas über Amerika, das Land und seine Leute erfahren zu haben und es ein stückweit besser begriffen zu haben. Und trotzdem ist ja nur Fiktion und es sind ausgewählte Bilder.
„Amerika ist ein Berg fertiger Bilder.“
Dann gibt es noch Teile, wo der erste mit „Warum“ überschrieben ist und Laferrière über seine Standpunkte spricht. Er legt dar, warum er schreibt. Er berichtet von seinem Leben als bekannter Schriftsteller, wie es ihm ermöglicht, interessanten Leute zu begegnen. Aber er trifft auch Leute, die etwas von ihm wollen oder glauben, ihn und seine Bücher zu kennen, obwohl sie manchmal zugegeben, dass sie sie gar nicht gelesen haben. Aber sie machen sich ein Bild von den Büchern auf Grund der Titel. Und sie machen sich ein Bild von ihm auf Grund seiner schwarzen Hautfarbe. Uns so spielt er mit Klischees, z.B. in den Texten „Warum muss ein schwarzer Schriftsteller immer über Sex schreiben?“ und „Warum bevorzugen schwarze Schriftsteller immer Blondinnen?“ etc., ohne dabei die Ernsthaftigkeit des Themas Hautfarbe zu verlieren. Vieles kommt hier schon vor, was er später in dem Band „Kleine Abhandlung über Rassismus“ ausführlicher beschreibt. Ausserdem gibt es noch mehr Bezüge zu politischen Aktivisten und Künstlern wie Martin Luther King, James Baldwin, Basquiat, Miles Davis, und Ice Cube, um nur einige zu nennen. Das Buch endet mit seiner Rückkehr nach Montreal.
Was das Buch, neben dem bereits erwähnten Liebe zum Spiel, auszeichnet, ist, dass es keine lang durcherzählte Geschichte ist. Sondern es ist in kurze Kapitel unterteilt, mit Geschichten, die schnell Sog entfalten. Von manchen Geschichten hätte ich gern längere Texte gelesen. Und wie immer bei Laferrière stimulieren einzelne Sätze bei mir eigene Gedankengänge. Und so ist das Buch „Granate oder Granatapfel, was hat der Schwarze in der Hand“ durch und durch lesenswert. Ich wünschte, es gebe öfter Bücher wie dieses.
Dany Laferrière: Kleine Abhandlung über Rassismus. Aus dem Französischen von Beate Thill. Wunderhorn, 202 Seiten
Dany Laferrière: Granate oder Granatapfel, was hat der Schwarze in der Hand. Aus dem Französischen von Beate Thill. Wunderhorn, 309 Seiten
