Chantal Akerman: Eine Familie in Brüssel

„Sie ist sehr geschickt darin nicht an das zu denken woran sie nicht denken will.“

Chantal Akerman war eine belgische Filmemacherin, bekannt für ihre experimentellen Filme. Zehn Jahre nach ihrem Tod erschien in diesem Jahr ihr Buch „Eine Familie in Brüssel“ aus dem Französischen von Claudia Steinitz übersetzt und im Diaphanes Verlag erschienen. In dem Text kann man Chantal Akerman als große Schriftstellerin kennenlernen. Akerman widmet sich darin der Geschichte ihrer Familie am Beispiel ihrer Mutter.

Alltägliches…

Es passiert nicht viel in dem Buch, meist Alltägliches, wiedergegeben in Gedanken, in erlebter Rede.

Die Mutter ist allein in der großen Wohnung in Brüssel, der Mann ist vor Kurzem gestorben. Sie sitzt im Morgenmantel, mit einer Zeitung auf dem Schoss, schaut Fernsehen. Sie wird einen Abend mit der Familie verbringen, man wird sie abholen.

Man erfährt nach und nach mehr über die Familie. Figuren, die keine Namen haben, sondern nur beschrieben werden („die Tochter die Kinder hat“, „die andere die keine hat“). Über die zwei erwachsenen Töchter. Eine lebt in Paris, die Andere lebt mit ihrer Familie in Amerika. Man erfährt von dem verstorbenen Mann, dass er lustig war lustig („an guten Tagen“), seine Wangen so schön rochen, dass er schlecht Autofahren konnte und sein Geschäft zum Schluss nicht mehr gut lief. Die weite Familie ist über die ganze Welt verteilt. Die Frau hält mit dem Telefon den Kontakt zu ihnen.

Die Perspektiven der Figuren gehen ineinander über, auch wenn meist die Perspektive der Mutter hört. Und Akerman erzählt nicht chronologisch, sondern mischt die Zeitebenen.

Es könnte vordergründig um die Themen der alten Mutter gehen, um das Alter, Abschied, Verlust und Trauer. Das Dokumentieren der nachlassenden Gesundheit, des schwindenden Appetits. Überlegungen darüber wen man wann um Unterstützung fragen kann, ob man das Leben der Anderen (der Kinder) noch versteht, ihre Entscheidungen, ihren Weg, die Sorge um ihr Wohlergehen.

…und unbewusste Familienregeln

Irgendwann erfährt man dann in dem Text, eher beiläufig, dass es noch ein großes Thema in der Familie gibt, dass das Verhalten der Familie bestimmt. Die Mutter und der Vater waren Überlebende des Holocaust. Deren Eltern kamen in den Lagern um. Die Geschichte bekommt dadurch ein anderes Licht, und auch mit dem Hintergrund, wenn man weiss, dass Chantal Akermans Mutter eine Ausschwitzüberlebende war, und man versteht, was in der Familie gedacht und gesprochen wird, warum es die unbewussten Familienregeln gibt.

Es gibt diese Regeln ja in jeder Familie in einer bestimmten Form. Bei der Familie hier versteht man, dass die Mutter an bestimmte Themen nicht denken (auch die Tochter hat Routinen, um nicht zu viele Gedanken zu haben), oder aussprechen kann. Stattdessen gibt es Sätze, die wenig aussagen, sondern nur erahnen lassen. So wird über den Vater nur gesagt, dass er „irgendwohin gebracht“ wurde, nicht, dass er ins Pflegeheim kam. Als Leser erfährt man nicht, warum die Mutter eine OP braucht. Beim Vater kann man durch die geschildeten Symptome erraten, dass er Schlaganfälle hatte, ausgesprochen wird es nicht. In der Sprachlosigkeit, ist jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.

In der Familie leben sie zurückhaltend, können dem Leben nicht ganz vertrauen („er ist auf Zehenspitzen gegangen so wie er gelebt hat“). Wie bei Michel Friedman, der sich in„Fremd“ mit der Geschichte seiner Familie im Holocaust auseinandersetzte, gibt es auch hier das „Ungelebte“, das was im Leben, geprägt durch die Vergangenheit, nicht möglich ist. Es gibt für die Mutter aber auch die Momente der Unbeschwertheit, Hochzeiten, Essen mit der Familie usw.

In der Familie halten sie den Kontakt untereinander, sie brauchen ihn; auch es der Mutter zu wenig ist und sie sich nicht traut, es als Bedürfnis auszusprechen. Sie hält den Kontakt zu den Töchtern und den Rest der verstreuten Familie per Telefon. Es ist ihre Verbindung zur Welt.

Akerman hat sich für die Erzählung eine eigene künstlerische Sprache zugelegt. Durch die erlebte Rede ist man nah dran an den Gedanken der Mutter und der Figuren. Es gibt oft Wiederholungen, sie sorgen für Struktur. Und sie fügt jeder Wiederholung Details hinzu. Chantal Akerman schreibt Sätze ohne Komma, was hier aber gekonnt eingesetzt ist. Es bedarf ganz viel Sensibilität, Einfühlungsvermögen und Beobachtungsgabe, sich so in die Figur der Mutter hineinzuversetzen, in ihre Sehnsucht, in ihre Verzweiflung, wenn man den anderen beim Leben zuschaut, das Aussparen der Vergangenheit und Festhalten an der alltäglichen Ordnung und für all das eine entsprechende Sprache zu finden. 

Chantal Akerman: Eine Familie in Brüssel. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Diaphanes, 94 Seiten

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