Brigitte Reimann: Hunger auf Leben. Aus den Tagebüchern

„Was mich wirklich bewegt und erregt, schreibe ich ja doch nicht“

Bei Brigitte Reimann scheint nicht ihr Werk, sondern immer auch ihr Leben im Mittelpunkt zu stehen. Mit dem Band „Hunger auf Leben“ aus dem Aufbau Verlag kann man durch Auszügen aus den Tagebüchern direkt Einblick in das Leben von Brigitte Reimann bekommen. Und wie ich durch die Lektüre ihrer Tagebücher erfahre, war es ein Leben der Kontraste. Einerseits ist Brigitte Reimann eine anerkannte und erfolgreiche Schriftstellerin, deren Werke vom Publikum geschätzt werden. Sie wird in Zeitungen gedruckt und bekommt den Heinrich-Mann-Preis von der Akademie der Künste der DDR verliehen. Anderseits erfährt sie aber auch, dass Beiträge kritisiert werden und dass manche ihre Werke nicht gedruckt werden können, weil sie gegen die gängige Linie verstoßen. Sie schreibt in einem Umfeld, in dem keine freie Meinungsäußerung möglich ist, Schriftsteller zensiert werden, öffentliche Demütigung und Publikationsverbot erfahren, oder ausreisen. Auch ihre Werke muss sie zum Teil umarbeiten, damit sie erscheinen können. Es führt bei ihr einerseits zu Selbstzensur, hält sie andererseits aber nicht davon ab, Themen in ihr Schreiben einzuarbeiten, die für die Menschen in der DDR klar erkennbar waren, aber offiziell verschwiegen wurden.

Die Arbeit an ihren Büchern ist ihr Lebensthema. Sie möchte literarischen Erfolg haben, aber auch Bücher mit Bestand schaffen. Brigitte Reimann schreibt oft mit hohem Vergnügen, im Schaffensrausch bis zur Erschöpfung. Das Schreiben bedeutet für sie aber auch verbissene Arbeit und Qual, verbunden mit Selbstzweifeln und Schreibblockaden. Durch die Unstetigkeit der Einkünfte, hat sie mal wenig Geld zur Verfügung, ist verzweifelt, kann sich kaum das Essen leisten. Mal hat sie durch Buch- und Filmverträge viel Geld zur Verfügung und gibt es gern aus.

Sie befand sich auch politisch in einem Spannungsfeld. Sie glaubt an das Ideal des Sozialismus (man vergisst immer, dass im Sozialismus eine Gesellschaftsordnung angestrebt wird, in der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verwirklicht werden sollen), erfährt aber auch, dass in der Realität eher mangelnde Freiheit des Einzelnen, Plan- und Misswirtschaft vorherrschen (an das Scheitern bei der Umsetzung des Sozialismus erinnert man sich hingegen immer). Sie engagiert sich, bekommt Einladungen und Ehrungen, wird in die Arbeitsgruppe Literatur des Zentralkomitees berufen. Sie merkt aber auch, dass sie funktionalisiert wird, als Frau herausgestellt in Funktionärskreisen, in denen Männer in der weiten Mehrzahl waren.

Brigitte Reimann Leben war voller Intensität, manchmal durch äußere Umstände gebremst, wenn sie z.B. nicht Reisen konnte. Mal wollte sie nur Schreiben, dann nur Leben. Mal war sie verheiratet (wiederholt), war eine liebende und leidenschaftliche Partnerin, versuchte dann wieder (manchmal vergeblich) monogam zu leben und empfand die Ehe als zu eng. Dann war sie geschieden, suchend, in Liebschaften verstrickt, Objekt der Begierde und sich auch ihrer Bisexualität bewusst. Dazu kamen Alkohol und auch Krankheiten, die sie aus der Bahn warfen. Mit neununddreißig Jahren starb Brigitte Reimann an Krebs.

In ihren Tagebüchern zeigt Brigitte Reimann ihre Komplexe und Zerrissenheit. Aus der heutigen Zeit wirkt davon vieles unverständlich, und sie hätte es vermutlich heute leichter, sich in ihrer ganzen Expressivität auszuleben. Aber in ihren Tagebucheinträgen kann ich fühlen, worum es ihr ging. Zerrissenheit und Lebensgier sind zeitlos.

Brigitte Reimann: Hunger auf Leben. Aus den Tagebüchern, Aufbau Verlag, 326 Seiten

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