„Fünfundzwanzig Jahre, und ich habe nicht gelebt, nur Leben vorbereitet, bestenfalls geprobt. Ich habe keine Schule und kein Theater gebaut und niemanden geliebt, nur geträumt: von einem großartigen Bau, von der großen Liebe„
Nach den Tagebüchern von Brigitte Reimann habe ich „Franziska Linkerhand“ gelesen. An dem Roman hat Brigitte Reimann zehn Jahre bis zu ihrem Tod gearbeitet, ohne ihn überarbeiten zu können. Er erschien in gekürzter Fassung postum. Er wurde als ungekürzte Fassung vom Aufbau Verlag 2023 neu aufgelegt.
In „Franziska Linkerhand“ erzählt Franziska ihre Lebensgeschichte ihrem Geliebten Ben. Sie beginnt mit der Schilderung, wie Franziska die letzten Tage des Krieges und die Besatzung durch die rote Armee erlebt. Nach einer kurzen Schilderung ihres Erwachsenwerden, der Schulzeit, und Pubertät in der DDR begleiten wir Franziska, wie sie Architektur studiert und als Architektin nach Neustadt geht. Sie hilft dabei, eine Stadt aufzubauen, die auf dem Reißbrett entworfen wurde und aus schnell errichteten Plattenbauten besteht. Es werden ihr Verhältnis zur Arbeit, zu ihren Kollegen und ihren Vorgesetzten geschildert. Man erfährt, wie sie in Neustadt lebt, ihre Beziehungen zu Nachbarn und Bekannten, wie sich ihr Verhältnis zu ihren Eltern und ihrem Bruder gestaltet (die nach dem Krieg in die Bundesrepublik gehen), und über ihre Liebesgeschichten.
Ein Grund „Franziska Linkerhand“ zu lesen ist die Sprache Brigitte Reimanns. Ich war gleich von Beginn an, wo sie das Kriegsende beschreibt, von der Sprache gefangen genommen. Auch an anderen Stellen zeigt sie sich als glänzende Erzählerin, zum Beispiel wie Franziska einen Nachmittag bei ihrem verklemmten Vorgesetzten Schafheutlin nebst Familie verbringt. Die beklemmenden, gezwungenen Unterhaltungen sind wunderbar geschildert, aber auch das Lustige, wenn sich die Szenen auflösen, das die ganze Unstimmigkeit in der Familie des Vorgesetzten durchscheinen lässt

Es ist eine Sprache, die herausquillt, die tolle Dialoge hervorbringt und noch winzige Charakterzüge in Nebensätzen verpackt. Was muss die Autorin für ein Schwamm an Gedanken, Empfindungen und zwischenmenschlichen Beobachtungen gewesen sein. Und aus den Tagebüchern weiß ich, wie fordernd es für Brigitte Reimann war, das Erlebte aufzunehmen und aufs Mal beim Schreiben wieder rauszulassen. Streckenweise wirkte der Text aber auch unfertig, unbewältigt, mit logischen Sprüngen und überfrachteten Figuren. Damit war das Buch für mich streckenweise schwer zu lesen. Vielleicht liegt es daran, dass Brigitte Reimann das Buch nicht mehr vollenden konnte, aber für mich blieb, neben tollen Passagen, unklar, wo das Buch eigentlich hinwollte. Es ist ein Entwicklungsroman, aber die Handlung scheint eher unwichtig zu sein, im Vordergrund steht das Erleben und Reflektieren von Franziska.
Zudem ist die Figur Franziska Linkerhand ein interessanter Charakter, voller Ambivalenz. Mutig und kämpferisch, dann wieder auch verletzlich, passiv und melancholisch. Sie vertritt für die Zeit moderne und emanzipierte Ansichten. Diese denkt sie nicht nur, sondern äußert sie auch gegenüber Kollegen und Vorgesetzten, was sie manchmal in Schwierigkeiten bringt. Als Bürgerstochter lebt sie zwischen Arbeitern und wird sich der Differenz oft bewusst. In ihren Liebesgeschichten ist sie gleichsam sehnsüchtig, romantisch und hingebend, dann aber auch wieder nüchtern und emanzipiert und bleibt immer ein stückweit für sich allein. Mit dem Wechsel zwischen auktorialem und Ich-Erzähler kann man oft ihre Stimmungen und Gedanken direkt erfahren, und es wird die Auseinandersetzung Franziska Linkerhand mit der Außenwelt direkt vermittelt.
In diese Auseinandersetzungen verpackt Brigitte Reimann auch die Kritik an Plan- und Mangelwirtschaft in der DDR. Als Architektin ist Franziska Linkerhand gestartet, eine moderne, lebenswerte Stadt zu erbauen. Für die Industriearbeiter von Neustadt mussten schnell Wohnungen gebaut werden. Das Bauen wird nicht nur durch ständigen Mangel gebremst, sondern das Ergebnis ist auch eine architektonisch lieblose unorganische Retortenstadt, die den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht wird. Es gibt kaum Abwechslung, kein Kino usw. Es treten gehäuft Fälle von Suizidversuchen und Suiziden auf. Als Schriftstellerin war Brigitte Reimann auch deswegen in der DDR populär, weil sie mit Schilderungen des Alltages die Probleme thematisierte, die für die Menschen klar erkennbar waren, aber offiziell verschwiegen wurden. Auch mit großem zeitlichen Abstand lässt sich das gut nachvollziehen.
Als Fazit denke ich, dass „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann ein interessanter Lesegenuss, aber auch ein unfertig gebliebenes Buch ist.
Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand, Aufbau Verlag, 639 Seiten

