Brigitte Reimann: Die Geschwister

“Ich kann nicht hierbleiben, ich ersticke hier…Ich fühle mich wie ein Gefangener, hinter einem Gitter von Dummheit und Bürokratie, ich habe keinen Spass an alledem, was wir als Studenten angestellt haben, das ganze Leben ist mir zuwider. Ich muss weg, hörst du, sofort, eh ich hier was anrichte“

“Ich kann nicht hierbleiben, ich ersticke hier…Ich fühle mich wie ein Gefangener, hinter einem Gitter von Dummheit und Bürokratie, ich habe keinen Spass an alledem, was wir als Studenten angestellt haben, das ganze Leben ist mir zuwider. Ich muss weg, hörst du, sofort, eh ich hier was anrichte“

Als drittes Buch in meinem Brigitte Reimann Leseprojekt habe ich „Die Geschwister“ gelesen. Der autofiktionale Roman erschien bereits 1963 in gekürzter Fassung und war eines der meistdiskutierten Bücher der DDR-Literatur. Bei der Sanierung eines Hauses in Hoyerswerda, in dem Brigitte Reimann in den 1960er Jahren wohnte, sind grosse Teile der ursprünglichen Niederschrift aufgetaucht. Die rekonstruierte Fassung wurde 2023 im Aufbau Verlag aufgelegt. Im Nachwort gibt es einen Vergleich, der 1963 gedruckten Version mit der ursprünglichen Fassung.

Erzählt wird die Geschichte der jungen Malerin Elisabeth, die Ostern 1962 erfährt, dass ihr Bruder Uli, wie bereits ihr Bruder Konrad vorher, in den Westen gehen will. Wenige Tage hat Elisabeth noch zusammen mit ihrem Bruder, um ihn zu überzeugen hier zu bleiben. 

Aus den Gesprächen zwischen den Geschwistern erfahre ich viel über ihr bisheriges Leben und dass sie eine enge Beziehung haben. Die Geschwister vertreten gegenteilige Auffassungen über das Leben in der DDR. Einerseits die pessimistische Einschätzung Ulis, der es in der DDR nicht mehr aushalten kann, weil er es zu eng, kontrolliert und bürokratisch findet, eine Vorstellung, die sich bei ihm mit der Sehnsucht nach fernen Ländern verbindet. Anderseits die Vorstellung Elisabeth, die auch nicht alles in der DDR ideal findet, und die bereits in Konflikte geraten ist als sie von der politischen Linie abweicht, aber auch meint, dass noch nicht alles ganz verloren ist und man sich noch einbringen und vor allem nicht weggehen sollte; verbunden mit dem nicht ganz unbegründeten Argument, dass im Westen sich auch nicht alle Träume erfüllen werden. Die Vorstellungen der Geschwister sind dabei nicht polarisiert. Jeder der beiden Geschwister kann durchaus die Perspektive des jeweils anderen verstehen. Aber sie ziehen daraus ihre eigenen Schlüsse.

In dem Buch geht es auch um die wichtige Frage, ob man in so einer Situation selbst bleiben oder weggehen würde. Eine Frage, die sich wahrscheinlich für viele Bürger der DDR eine Bedeutung hatte. Die aber auch über die Zeit hinaus ihre Gültigkeit besitzt. Ein Weggehen mag eine Befreiung aus der Enge und Kontrolle, bedeutet aber auch ein Vermeiden, vielleicht ein sich drücken vor der Situation, in der man vielleicht sogar noch etwas bewirken könnte. Ein Bleiben bedeutet, dass man noch hofft, etwas zum Guten bewirken zu können, aber auch ein Arrangieren mit den existierenden Verhältnissen. Ein Bleiben bedeutet auch, dass man das Weggehen, und damit die Trennung von der Familie und Freunden für den größeren Schmerz hält. Mit ihrem Bruder Konrad, der bereits in den Westen gegangen ist, hat sie keinen Kontakt mehr. Am Ende spitz sich die Situation für den Bruder zu, es bleibt im Buch aber offen, wie sich der Bruder entscheidet.

Wie bei „Franziska Linkerhand“ macht auch die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur „Die Geschwister“ zu einem lesenswerten, modernen Roman. Es ist die große Kunst Brigitte Reimanns, diese Frauenfiguren lebendig zu machen. Figuren, die eigenständig und selbstbewusst denken und handeln, sich in einer Männer dominierten Arbeitswelt behaupten und Konflikte austragen. In „Die Geschwister“ verarbeitet Brigitte Reimann den Konflikt, die eigenen Ideale gegen die Wirklichkeit zu verteidigen literarisch und macht dabei sichtbar, dass das Politische auch persönliche Konsequenzen hat.

Brigitte Reimann: Die Geschwister, Aufbau Verlag, 212 Seiten

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