Ben Shattuck: Die Geschichte des Klangs

„Aber diese Walze erinnerte mich an das, was ich verpasst hatte: ein Leben, von dem ich nichts wusste, von dem David aber ein Teil war.“

In dem Buch „Die Geschichte des Klangs“ erzählt Ben Shattuck die Geschichten zweier Beziehungen, die durch die Musik miteinander verbunden sind. Das Buch wurde aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren übersetzt und ist im Hanser Verlag erschienen.

Zwei Geschichten, durch Musik verbunden

Es ist April 1984 als Lionel ein Paket von einer ihm unbekannten Frau erhält. Diese hat beim Aufräumen fünfundzwanzig Wachswalzen für Phonographen gefunden und hatte bereits von der Arbeit Lionels, der Volksmusik sammelt und erforscht, gehört. Lionel beginnt sich zu erinnern und auf Anraten seines Arztes, um der Schlaflosigkeit zu entkommen, seine Geschichte aufzuschreiben, die das Paket in ihm ausgelöst hat.

Er beschreibt, wie er Gesang am New England Conservatory studiert und wie er 1916 David, der Komposition studiert, kennenlernte. Beide erleben die erste große Liebe miteinander. Diese wird durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, die David an der Front verbringt. Nach dem Krieg bekommt Lionel von David eine Einladung, ihn einen Sommer bei einer Forschungsarbeit zu begleiten. Sie sammeln Volkslieder, die sie mit Hilfe eines Phonographen aufnehmen. Sie streifen dabei durch den Norden des Landes, schlafen im Zelt und verbringen Zeit in der Natur. Es ist ein glücklicher unbeschwerter Sommer zusammen. Nach dem Sommer bricht ihr Kontakt aus ungeklärten Gründen ab und ihre Leben verlaufen auf getrennten Wegen.

Im zweiten Teil des Buches wird beschrieben, wie Annie die Wachswalzen beim Aufräumen in ihrem Haus, dass sie mit ihrem Mann Henry gekauft hat, in einem Koffer entdeckt und den Namen von Lionel. Sie haben es samt Inventar übernommen und sie war dabei, es auszuräumen. Und so erfährt man auch etwas über das Paar Annie und Henry. Sie haben sich als Studenten der Biologie kennengelernt. Als sie heiraten, gibt Annie ihr Studium auf, um Hausfrau zu werden. Im Fernsehen erfährt sie von Lionels Arbeit. Man lernt noch mehr über Annie und ihr Sehnen nach einem Platz im Leben. Wie es ausgeht, sei hier nicht verraten und sollt ihr selber lesen.

Ein Buch über gelebte und ungelebte Anteile im Leben

Das Buch liest sich sehr leicht und besticht durch seine knappe, dabei poetisch bildhafte Sprache. Es gibt zärtliche und sinnliche Beschreibungen von Menschen und von Musik und Naturbeobachtungen, die man beim Lesen vermeint, Hören zu können. Die philosophische Tiefgründigkeit des Buches zeigt sich dabei ganz unbemerkt. In den Erinnerungen und Gedanken, die die Figuren Lionel und Annie nachgehen merkt man, wie viele Themen in dem Buch behandelt werden: Lebensverläufe und wie sie durch Zufälle beeinflusst werden; wie wir Leidenschaften im Leben folgen und wie wir uns dabei verändern; aber auch die ungelebten Anteile im Leben, und wie wir in der Rückschau auf unsere Entscheidungen schauen und nicht zuletzt Vergänglichkeit. Ben Shattuck hat ein nachklingendes Buch darübergeschrieben, dass wenn wir uns wirklich zuzuhören sollten.            

Ben Shattuck: Die Geschichte des Klangs. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser. 104 Seiten

Share this…

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert