Beatriz Serrano: Geht so

„Aber weder der Arzt noch meine spätere Therapeutin verstanden je, dass mein Stress nicht durch die Arbeit an sich ausgelöst wurde, sondern, wie ich es ihm auch gesagt hatte, durch die Tatsache, überhaupt zur Arbeit gehen zu müssen“

In den Sommerferien habe ich das Buch „Geht so“ von Beatriz Serrano gelesen. Ich musste beim Lesen oft laut Lachen und wurde dabei einmal gefragt, ob ich nicht das Buch über die Arbeit lesen würde. Und ja es ist ein Buch über die Arbeit. Beatriz Serrano schreibt in dem Roman zugespitzt und treffend über Marissas Arbeitswelt in einer Madrider Marketingagentur. Das Buch wurde aus dem Spanischen von Christian Quandt übersetzt und ist in diesem Jahr im Eichborn Verlag erschienen.

Beatriz Serrano: Geht so

Macht die Arbeit noch Spaß?

Marisa arbeitet im mittleren Management ihrer Marketingagentur und leitet ein Team von 10 Mitarbeitenden. Ihre tägliche Arbeit besteht vornehmlich aus dem Bearbeiten von Emails, Verteilen von Aufgaben und dem Erstellen von Präsentationen. Sie scheint aber nicht übermäßig von der Arbeit beansprucht zu sein und delegiert meist ihre anfallende Arbeit an Praktikanten, Masterstudenten und Mitarbeiter („In den Jahren, die ich hier arbeite, habe ich die Kunst perfektioniert, so wenig wie möglich selbst zu erledigen.“). Es bleibt ihr so viel Zeit, die sie vor allem mit dem Schauen von YouTube Videos verbringt. In der Agentur kann sie ihr Nichtstun gut verbergen, da es akzeptiert ist, auch im Café oder von zu Hause aus zu arbeiten und da ja niemand sieht, wenn man nichts tut. Im Büro öffnet sie einfach eine Exceltabelle, wenn jemand zur Tür hereinkommt. 

Beatriz Serrano durchzieht den Roman mit Beschreibungen aus der Arbeitsalltag von Marisa. Sie schildert die Regeln von Onlinemeetings, die Feinheiten der Jobtitel, das Beschäftigungstheater oder der Ablauf, wenn es bei einem Kunden zu einer Krise kommt. Es waren diese Beschreibungen, bei denen ich laut lachen musste, weil mir mehr als einmal eine Situation sehr bekannt vorkam. Der Roman ist aber keine Satire, auch wenn das Darstellen des Grotesken an Arbeitssituationen eine große Stärke von Beatriz Serrano ist. Diese Darstellungen entstehen ja aus einer Mischung aus Übertreibungen, Sinnlosigkeit, Widersprüchen und absurden Ritualen, die den sozialen Aspekt von Arbeit ausmacht.

Für Marisa geht die Krise tiefer. Sie ist gut und effizient in ihrem Job und beherrscht die Spielregeln, verweigert sich fast allem, was die Arbeit anbietet, so desillusioniert und erschöpft ist sie. Sie kann nicht verstehen, dass Teambuilding oder Arbeitsprozesse auch etwas Gutes haben können oder zumindest Notwendiges. Sie engagiert sich fast gar nicht mehr, ist gelangweilt und geplagt von Angstzuständen und braucht Substanzen, um durch den Tag zu kommen („Ich brach jeden Morgen zusammen, wenn der Wecker klingelte, weil das Leben, so wie ich es lebte, einer schlecht geschriebenen Tragödie gleichkam: langweilig, steril, ohne jeden Witz und, was am schlimmsten war, ohne Handlung“). Marisa hofft immer, dass ein Unfall oder Krankheit sie von der Arbeit befreit. Serrano macht auch klar, dass man in Spanien, in der es eine Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit gab, einen als sinnlos empfundenen Job nicht kündigt, wenn man ihn erstmal hat. Und vielleicht ist es die Arbeit in der Werbung, die die Arbeit als bedeutungslos erscheinen lässt. Es geht bei den Projekten in der Agentur um künstlich erzeugte Bedürfnisse für Produkte, die niemand wirklich braucht („Meine Arbeit besteht darin, freundlich zu sein und heiße Luft zu verkaufen.“). Marisa lehnt ihre Arbeit moralisch ab, weiss aber dass sie damit ihre Miete bezahlt.

Wenn Freizeit auch nicht hilft

In dem Roman lern man auch die Figur Marisa besser kennen und hofft, dass die außerhalb der Arbeit etwas findet, dass sie erfüllt. Aber die Tragödie ist, dass ihr die Erfüllung in ihrem Privatleben nicht gelingt. Marisa ist eine Kunststudentin, die viel liest. In der Werbung ist sie nur gelandet, weil die Angst hatte, ihren Träumen zu folgen. Sie beobachtet aufmerksam und kritisch, was sie umgibt, und verwöhnt sich mit gutem Essen. Wenn sie die Arbeit schwänzt, geht sie in den Prado und beim zwanghaften Schauen von YouTube findet sie in abseitigen Videos interessante Themen. Sie hat keine tiefen Beziehungen, eine Freundin kommt erst durch Zufall wieder in ihr Leben, sie führt eine lose Beziehung mit ihrem Nachbarn Pablo und lebt auch von ihren Eltern entfernt.

Marisa wird bestimmt von dem Gefühl, dass mit ihrem Leben, so wie sie es führt, etwas nicht stimmt. Sie scheint ihren Gefühlen aber eher auszuweichen und so zeigt sich ihre Frustration und Unzufriedenheit in Abkapslung und Müdigkeit, die sie gerne mit Unterhaltung und Substanzen betäubt. Sie bemüht sich aber auch nicht, glücklich zu sein und scheint auch nicht zu wissen, was in ihrem Leben fehlt. Das Gefühl der Isolation kommt auch daher, dass sie meint, mit niemanden über ihre Situation reden zu können. Auf der Arbeit gibt es ihre Kollegin Rita, die eine aufmüpfige Außenseiterin ist. Sie merken, dass sie ähnlich über die Arbeit denken und wechseln auf der Arbeit verschwörerische Blicke. Eines Tages kommt Rita aber nicht mehr zur Arbeit und Marisa bleibt mit ihren Gedanken allein. Als Marisa dann zu einem Teambuilding-Wochende aufbricht, spitzt sich die Krise zu.

Wie gesagt musste ich oft beim Lesen des Buches lachen, es hat mich gleichzeitig aber auch oft betroffen gemacht, da Beatriz Serrano viele Themen der heutigen Zeit berührt. Es sei daher allen empfohlen die ein gut gemachtes Buch über die wunden Punkte der modernen Lebens- und Arbeitswelt lesen wollen.

Beatriz Serrano: Geht so. Übersetzt aus dem Spanischen von Christian Quandt. Eichborn. 240 Seiten

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