Angel Igov: Die Sanftmütigen

„Gerechtigkeit schreckt vor nichts zurück“

Auf den Roman„Die Sanftmütigen“ von Angel Igov bin ich gestoßen, als ich die Audiospur des Literaturpalastes gehört habe, in der Tino Schlench mit derVerlegerin Petya Lund über Bücher aus dem eta Verlages spricht. 

Der historische Roman setzt sich mit den Ereignissen in Bulgarien im Jahr 1944 auseinander. Er beleuchtet die sogenannten „Volksgerichte“, die nach der Machtübernahme der Kommunisten eingerichtet wurden, um frühere Machthaber in Schauprozessen zu verurteilen. Der Roman wurde aus dem Bulgarischen von Andreas Tretner übersetzt und ist bereits 2019 im erschienen.

Angel Igov: Die Sanftmütigen

Vom Dichter zum Ankläger

Im Mittelpunkt des Romans steht Emil Strezov, ein junger, wenig erfolgreicher Dichter aus der Provinz, der, als die Rote Armee das mit Hitler verbündete Bulgarien besetzt, in Sofia von den Kommunisten angeworben wird. Ziel der neuen kommunistischen Herrscher ist es, die Reste des ehemaligen faschistischen Regimes zu beseitigen. Strezov wird erst zum Milizionär und meldet sich dann freiwillig für das Volksgericht, wo er Ankläger wird. Es werden Minister und Offiziere als hochrangige Vertreter des alten Regimes verhaftet, aber es trifft auch Vertreter der bürgerlichen Intelligenz wie Ärzte, Lehrer Pfarrer und Künstler, Menschen die vermeintlich kollaboriert oder eine feindliche Geisteshaltung haben.

Gerichte, an denen Juristen und Volksvertreter beteiligt sind, werden im ganzen Land einberufen. Die Verhafteten werden in Schauprozessen abgeurteilt. Ein Teil der Angeklagten erhielt die Todesstrafe („Und der Tod erschien – großspurig und triumphal“) und die anderen wurden mit Haft und Entzug des Besitzes bestraft.

Persönliche Verstrickungen in totalitären Regimen

Angel Igov zeigt an der Person des Emil Strezov, die Spannungen einer Person, die zwischen persönlichen Überzeugungen und den Zwängen eines totalitären Regimes gefangen ist, wie wir es auch von den Figuren Brigitte Reimanns kennen. Zu Beginn wirkt Strezov idealistisch, aber auch naiv, was seine neuen Aufgaben betrifft. Doch im Laufe des Romans wird sichtbar, wie er die Macht, die ihm plötzlich zur Verfügung steht, auch genießt. Er stürzt sich in die Arbeit bei Gericht, sieht sich dabei mit moralischen Fragen konfrontiert: Wen soll man anklagen? Bei den hochrangigen Vertretern ist die Lage einfach. Aber wie groß war die Schuld des Einzelne im alten Regimen bei Journalisten, Mitarbeitern der Propaganda usw.?

Strezov ist überwältigt von dem Beweismaterial und Denunziationen. Die Anklagen werden mit zunehmender Zahl beliebig. Was war von den Verurteilungen eine (allenfalls notwendige) Maßnahme zur Abrechnung mit dem alten Regime, was diente als Instrument der (persönlichen?) Rache und was der politischen Säuberung und was dem eignen Ehrgeiz, um die Macht des neuen Regimes zu stärken? Hatte man Strezov nicht wegen seiner ideologischen Treue und dem persönlichen Eifer als Ankläger für die Prozesse ausgewählt?

Kommentare durch das Volk

Die Geschichte der Volksgerichte wird aus der Perspektive eines Chors erzählt, bestehend aus den Figuren des Stadtviertels Jučbunar, der die Figur Strezov und die Prozesse beobachtet und kommentiert. Es ist aber kein allwissender Chor, keine moralische Instanz, wie in den Dramen der Antike. Sondern Igov benutzt den Chor, um zu zeigen, dass man solche Ereignisse nicht durch den Blick eines Einzelnen schildern kann. Es zeigt die viele nebeneinander existierenden Ereignissen und Schicksalen. Es illustriert auch die dauernd wechselnden Stimmungen im Volk („Es war der Puls, der Tagesrhytmus, der aus dem Takt gekommen war“), zwischen Begeisterung und Angst. Es ist auch die Zeit der Wirre, so gibt es z.B. einmal einen Menschenauflauf, bei dem ein Kriegsinvalide erschossen wird. Er wurde zum Klassenfeind erklärt, weil er sich im Viertel unbeliebt gemacht hatte und somit wurde die Tat nachträglich gerechtfertigt.

In dem Roman vermischt Angel Igov Fiktion mit recherchierten Fakten. Das Buch erregte beim Erscheinen in Bulgarien viel Aufmerksamkeit, weil es mit dem Thema der Volksgerichte die dunkle und kontroverse Episode in der Geschichte des Landes beleuchtete, dessen Aufarbeitung bis dahin ein Tabu gewesen war. Wer möchte kann in dem Buch viel über diese Zeit in Bulgarien erfahren. Man kann das Buch aber auch als literarischen Text über politischer Opportunität und persönlicher Schuld lesen.

Angel Igov: Die Sanftmütigen. Aus dem Bulgarischen übersetzt von Andreas Tretner, eta Verlag, 215 Seiten

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